Wir stiegen aus dem Beiboot, mit dem wir zum Strand von Renesse gefahren waren. Schweigend liefen wir den Strand entlang. Plötzlich packte Tess Aleas Arm und versteckte sich hinter ihr. „Was ist los?“, fragte ich etwas verwirrt. Tess deutete nur nach vorne, wo gerade eine Möwe auf uns zu flog. „Du hast Angst vor dem Vogel da?“, sprach Alea die Frage aus, die auch mir auf der Zunge gelegen hatte. Tess erklärte uns mit gepresster Stimme, das sie mal fast ein Auge verloren hatte, weil sie von einer Möwe angegriffen worden war. Alea hatte die Idee, Tess in die Mitte zu nehmen, sodass sie von allen Seiten von den Möwen abgesichert war. Wir setzten die Idee sofort um und wankten so alle zusammen über den Strand, was uns leicht verstörte Blicke von den anderen Strandbesuchern einbrachte. An der Straße lösten wir den Kreis um Tess, die sich mit Tränen in den Augen, leise bedankte. Alea nahm sie in den Arm. Das fand Sammy toll, weshalb er sich zu den beiden in einer Gruppenumarmung gesellte. Ben zog mich zu ihnen in die Umarmung herein und nach kurzem Zögern und gute Zureden gesellte sich auch Lennox zu uns. Automatisch legten wir alle nach ein paar Augenblicken die Hände übereinander: „Alpha Cru!“
Wir schossen noch ein Selfie und dann mussten wir uns beeilen, um das Jugendamt noch rechtzeitig zu erreichen. Während Lennox und Alea hineingingen, warteten Sammy, Tess, Ben und ich draußen. Wir setzten uns auf die Treppe und warteten in etwas angespanntem Schweigen. Ich sah mich immer wieder nervös um. Das schien Ben aufzufallen. Er warf mir besorgte Blicke zu. Lennox und Alea kamen wieder nach draußen und erzählten uns, was sie herausgefunden hatten. Anscheinend wurde am selben Tag wie Alea noch ein weiteres Kind auf die selbe Weise abgegeben. Das war wirklich merkwürdig. Wir beschlossen zum Südstrand zu gehen, das war der Strand, an dem Alea damals abgegeben wurde. Er war wunderschön mit feinem, weißen Sand. Alea entdeckte etwas weiter weg und wir liefen langsam darauf zu. Als wir näher kamen, erkannten wir, dass es ein toter Orca war. Alea brach weinend hinter einem Strandkorb zusammen. „Das war mein Orca!“, schluchzte sie. Die anderen sagen sie nur hilflos an. Ich jedoch wusste genau, wie Alea sich gerade fühlte. Ich setzte mich neben sie in den Sand und nahm sie wortlos in den Arm. „Sie öffnen jetzt den Bauch des Wales.“, informierte Ben uns. Ich sagte nichts. Ben bemerkte nicht einmal, dass das gerade ziemlich unsensibel gewesen war. „Was ist das?“, fragte Lennox plötzlich und zog scharf die Luft ein, „Alea, das musst du dir ansehen!“
Alea spähte um den Rand des Strandkorbes. „Da steht was drin!“, keuchte Alea. Jetzt sah auch ich um die Ecke des Korbes. „Ich hole sie.“, entschied Lennox und lief auch schon los. Nur ein paar Sekunden später war er auch schon wieder da. Mit der Kugel in seiner Hand. Es war eine Schneekugel. Er gab sie Alea. Diese drehte sie um und schnappte nach Luft: „Da, die Schrift!“
Tess blinzelte verwirrt: „Da steht nichts.“
„Doch.“, Lennox kniff angestrengt die Augen zusammen, „ Ich kann es lesen.“
„Was steht denn da?“, fragte Sammy ungeduldig. Alea las vor, was wir anderen nicht lesen konnten: „Ihr, die ihr dies lesen könnt, kommt nach Loch Ness.“
„In welcher Sprache ist das?“, wollte Ben wissen. Alea zuckte ratlos mit den Schultern: „Es muss Wassersprache sein. Also ich meine, Wasserschrift.“
Tess sah Lennox misstrauisch an: „Warum kannst du das lesen? Konntest du Alea etwa auch verstehen, als sie mit den Kobolden geredet hat?“
Lennox nickte unschlüssig. Ich sah zwischen Alea und Lennox hin und her: „Ihr seid also beide irgendwie das Gleiche oder zumindest etwas Ähnliches.“
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Lennox sah mich fest an: „Das müssen wir herausfinden.“
Alea nickte: „Wir müssen nach Loch Ness!“
„Wie gut, dass wir ein Segelschiff haben.“, sagte Ben grinsend. Sammy lachte: „Los geht’s!“
Und schon rannten wir über den Strand davon. Zurück zur Crucis.
