Helena Andromeda | Kapitel 4

Sammy und ich starrten nach unten ins Wasser. Ben war abgetaucht und nicht mehr zu sehen. Während ich wie erstarrt war, sprang Sammy seinem Bruder plötzlich hinterher. „Sammy, nein!“, schrie ich noch, doch es war schon zu spät. Tess fluchte leise und sprang dann mit grimmigem Gesichtsausdruck ebenfalls über die Reling. „Ich muss auch rein.“, sagte Alea plötzlich. „Nein!“, antwortete Lennox entschieden, „Das ist auch mit Kiemen zu gefährlich.“

Ich sah ihn fassungslos an: „Kiemen?“

„Lange Geschichte.“, wich Lennox aus und wandte sich wieder an Alea, um weiter mit ihr zu diskutieren. Ich sah, wie Ben und Sammy im Wasser miteinander rangelten und traf eine Entscheidung. Ich sprang ebenfalls über Bord. Oben hörte ich Lennox und Alea erschrocken keuchen, dann tauchte ich ins Wasser. Ben und Sammy befanden sich gerade an der Schiffsschraube, wo Ben eine lange Plastikplane Stück für Stück abschnitt. Plötzlich tauchte auch Alea ins Wasser ein. Als ich sie ansah, erstarrte ich. Alea war grün. Und sie hatte Schwimmhäute und Kiemen! Auch Tess, die auf Aleas anderer Seite schwamm, wirkte ziemlich fassungslos. Sammy und Ben, die gerade zum Luft holen nach oben kamen, erstarrten ebenfalls. Und plötzlich eine weitere Erschütterung im Wasser. Lennox war zu ihnen gesprungen. Alea schwamm sofort zu ihm und tauchte mit ihm auf. Tess, Ben, Sammy und ich folgten ihnen. „Du bist eine Meerjungfrau!“, rief Sammy begeistert. Tess schien an ihrem Verstand zu zweifeln: „Ist das wahr?“

Alea nickte etwas zerknirscht. Dann versprach sie, uns später alles zu erzählen. Ben wollte wieder untertauchen, um sich weiter um die Schiffsschraube zu kümmern, doch Alea hielt ihn zurück. „Ich werde Hilfe aus dem Meer holen.“, entschied sie. Schneller, als wir widersprechen konnten, war sie auch schon weggeschwommen. Ben hielt es nicht lange aus, zu warten. Er beschloss, erneut zur Schiffsschraube zu tauchen. „Nein.“, flehte ich leicht verzweifelt, „Ben, tu das nicht.“

Er lächelte mich entschuldigend an, drückte kurz meine Hand und tauchte dann ab. Sammy begann zu brüllen und Tess packte ihn schnell, damit er Ben nicht hinterher schwamm. Ich war wie erstarrt. Was, wenn Alea nicht rechtzeitig zurück kam? Was, wenn die Schiffsschraube Ben tatsächlich umbrächte? Da tauchte Alea plötzlich wieder auf. Ich hörte, wie Lennox hinter mir erleichtert die Luft ausstieß. Um Alea herum tauchten plötzlich eine Menge kleiner, bunter Wesen auf. Fassungslos starrte ich sie an. Waren das Kobolde? Ben tauchte wieder auf. Alea nahm ihm das Messer ab und tauchte mit den Kobolden unter. Tess und ich kletterten zurück an Bord, um das Schiff zu steuern, sobald Alea es geschafft hatte, die Schraube zu befreien. Daran, dass sie es schaffen würde, zweifelten wir nicht. Tatsächlich setzte die Crucis sich einige Zeit später wieder in Bewegung. Kurze Zeit später kletterten auch Alea, Lennox, Ben und Sammy wieder an Bord. Tess stellte den Motor ab und wir gingen zu den anderen. Ben, Sammy und Tess begannen, Alea mit Fragen zu bombardieren. Ich hielt mich etwas abseits. Alea war anders, das wusste ich nun mit Sicherheit. Und das war gut, damit war ich mir auch relativ sicher. Die andere kannten sie länger, daher waren sie verständlicherweise ein wenig sauer und wollten alles sofort wissen. Ich würde Alea jedoch in Ruhe lassen. Schließlich hatte ich selbst einige Geheimnisse, die ich den anderen noch nicht anvertrauen wollte. „Wie viele Geheimnisse hast du eigentlich?“, fragte Ben gerade. Seine Stimme hatte einen leicht enttäuschten Unterton. Plötzlich sprang Lennox mit einem Knurren vor Alea: „Keine Fragen mehr!“

Alea zog ihn außer Hörweite und sie diskutierten kurz. Dann kamen sie zurück und Lennox entschuldigte sich bei Ben. Dieser sah ihn nur warnend an: „Was sollte das?“

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Lennox schuldbewusst, „Ich habe ständig das Gefühl, Alea beschützen zu müssen.“

Das ergab Sinn, warum sonst wäre er einfach auf ein Schiff gegangen? Oder hätte sich in voller Absicht in den Regen gestellt? Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke. Was, wenn Lennox auch so war wie Alea? Er konnte magische Dinge. Allerdings bekam er keine Kiemen. Aber was, wenn er etwas Ähnliches war, wie sie? Alea erzählte ihnen jetzt die ganze Geschichte. Von der Krankheit, von der sie jahrelang dachte, dass sie sie hätte, von ihrer Verwandlung bis hin zu jetzt. Das alles klang ziemlich verrückt. Und hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich es nicht geglaubt. Doch ich hatte es gesehen und so bleib mir nichts anderes übrig, als einzusehen, dass es eine magische Welt im Wasser tatsächlich gab.

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