Helena Andromeda | Kapitel 3

Ich hatte nicht lange geschlafen, als die Bordtür sich öffnete und Alea und Lennox hereinkamen. Lennox stützte sich schwer auf sie, beide waren völlig durchnässt. Ich sprang auf und half Alea, Lennox aufs Sofa zu legen. Alea ging ins Bad, um Lennox ein Handtuch zu holen und sich umzuziehen. Ich blieb bei Lennox, bis Alea mit dem Handtuch wiederkam. Dann ging ich in die Kajüte der Jungen und weckte Sammy, der bereitwillig das Steuer übernahm. Ich ging wieder zurück in den Salon, wo ich Alea und Lennox nebeneinander eng umschlungen auf dem Sofa vorfand. Ein Gefühl, das ich nicht ganz zuordnen konnte, durchzuckte mich. Da ich jetzt sowieso nicht mehr schlafen könnte, nahm ich mir ein Buch und setzte mich aufs andere Sofa.

Irgendwann musste ich doch eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte standen Ben und Alea neben Lennox‘ Sofa. „Ja, er hat Fieber.“ stellte Ben gerade fest. Lennox stöhnte leise. „Was ist denn passiert?“, fragte Ben sichtlich verwirrt. „Er stand zu lange im Regen.“, mischte ich mich ein. Ben drehte sich zu mir um: „Wie meinst du das?“

„Er hat eine Art Wasserallergie.“, sagte ich Stirn runzelnd, „Kaltes Wasser macht ihn krank.“

„Er muss zum Arzt.“, entschied Ben fest.

Wir legten an einem kleinen Hafen an und Sammy und Ben begleiteten Lennox zum Arzt. „Fragt den Arzt bitte, ob Lennox vielleicht Kälteurtikaria hat.“, bat Alea noch und Ben versprach es. Ich sah Alea an, dass sie sich große Sorgen machte und mir ging es nicht anders. Dennoch sagte niemand ein Wort und alle beschäftigen sich erst einmal mit sich selbst. Irgendwann erklangen von Deck die Töne von Tess‘ Akkorden und ihre Stimme. Als sie aufhörte zu spielen, beschloss ich, ebenfalls nach oben zu gehen. Alea und Tess unterhielten sich. „… so ein Gefühl für ihn. Es ist, als würden wir zusammen gehören. Als hätten wir schon zusammen gehört, bevor wir uns überhaupt kannten.“, hörte ich Aleas Stimme, als ich die Bordtür öffnete. Sofort wusste ich, dass es um Lennox ging. Ich wollte die beiden nicht bei ihrem vertrautem Gespräch stören, also drehte ich mich, so leise ich konnte, wieder um und setzte mich in den Salon. Ein paar Minuten später hörte ich, dass Sammy, Ben und Lennox zurück waren. Sie kamen in den Salon und legten Lennox aufs Sofa. „ Wie geht es ihm?“, fragte ich an Ben gewandt. Er seufzte: „Der Arzt hat ihm Antibiotikum verschrieben.“

Ich nickte nur, ich wusste genau, dass das nichts bringen würde. Sammy, Tess, Ben und ich gingen an Deck, um abzulegen. Alea blieb bei Lennox. Ich vermutete, dass sie sich verantwortlich fühlte, da er wegen ihr im Regen gestanden hatte.

Am Abend fiel Ben auf, dass wir wegen der Aufregung ganz vergessen hatten, die Hängematte aufzuhängen und so bot er mir erneut sein Bett an. Als ich ihn fragte, ob nicht heute jemand anderes die Nachtwache übernehmen sollte, schüttelte er nur lächelnd den Kopf: „Ich liebe die Nachtwache.“

Damit war das Thema erledigt und alle legten sich schlafen.

Am nächsten Morgen wurde ich von Stimmen aus dem Salon geweckt. Dort saßen Lennox, Alea und Sammy auf dem Sofa. Lennox sah zu meiner Überraschung wieder sehr gesund aus. „Dir geht es wieder besser!“, stieß ich erleichtert hervor und umarmte meinen Halbbruder fest. Er lächelte nur. „Gruppenkuscheln!“, rief Sammy begeistert. Augenblicklich zogen Lennox und ich und ein Stück zurück. Und auch Tess, die gerade den Salon betreten hatte, verzog leicht das Gesicht. Ben gesellte sich ebenfalls zu uns. Auch er schien erleichtert zu sein, dass es Lennox wieder besser ging. „Wie wäre es mit Frühstück?“, schlug er vor, „Danach lege ich mich noch ein paar Stunden aufs Ohr.“

„Können wir Kekse zum Frühstück haben?“, erkundigte sich Sammy mit einem strahlenden Lächeln bei Alea. Die nickte grinsend und ging zur Küchennische. Nach dem Frühstück legte Ben sich ins Bett, Lennox und Alea übernahmen das Steuer und Sammy und Tess spielten mit etwas Musik vor, während ich die Wäsche an die Leine hängte. Mittags kam dann Ben mit einer großen Wassermelone an Deck und alle gingen zu ihm, um etwas davon zu bekommen. Während Sammy und Tess darüber diskutierten, ob sie alle zusammen lachen sollten, ertönte plötzlich ein seltsames Geräusch. Ben sprang entsetzt auf, rannte zur Reling und sah besorgt nach unten ins Wasser. „Da hat sich was in der Schraube verhakt!“, schrie Sammy bestürzt, „Das kann den ganzen Motor kaputt machen!“

Ben stürzte zum Deckshäuschen, um den Motor abzustellen, doch es funktionierte nicht. Das Schiff begann zu Ruckeln. „Stell den Motor ab.“, schrie Sammy leicht panisch. „Es geht nicht!“, brüllte Ben. Das Ruckeln des Schiffes hörte auf. „Dreht sich die Schraube nicht mehr?“, fragte Lennox vorsichtig. „Wird der Motor explodieren?“, fragte Alea erschrocken. Niemand antwortete. Ben starrte finster ins Leere. Dann wurde sein Gesichtsausdruck entschlossen. Er lief zum Tisch, schnappte sich das Messer und lief zurück zur Reling. „Was hast du vor?“, fragte Sammy erschrocken, „Du willst doch nicht wirklich da rein und die Schraube los schneiden?“

„Doch!“, widersprach Ben fest und sprang über Bord. „Nein!“, schrie Sammy erschrocken, „Die Schraube wird dich zerschreddern!“

Tess, Alea und Lennox waren wie erstarrt. Sammy und ich sprinteten zur Reling. Das durfte einfach nicht wahr sein!

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