Helena Andromeda | Kapitel 5

Wir stiegen aus dem Beiboot, mit dem wir zum Strand von Renesse gefahren waren. Schweigend liefen wir den Strand entlang. Plötzlich packte Tess Aleas Arm und versteckte sich hinter ihr. „Was ist los?“, fragte ich etwas verwirrt. Tess deutete nur nach vorne, wo gerade eine Möwe auf uns zu flog. „Du hast Angst vor dem Vogel da?“, sprach Alea die Frage aus, die auch mir auf der Zunge gelegen hatte. Tess erklärte uns mit gepresster Stimme, das sie mal fast ein Auge verloren hatte, weil sie von einer Möwe angegriffen worden war. Alea hatte die Idee, Tess in die Mitte zu nehmen, sodass sie von allen Seiten von den Möwen abgesichert war. Wir setzten die Idee sofort um und wankten so alle zusammen über den Strand, was uns leicht verstörte Blicke von den anderen Strandbesuchern einbrachte. An der Straße lösten wir den Kreis um Tess, die sich mit Tränen in den Augen, leise bedankte. Alea nahm sie in den Arm. Das fand Sammy toll, weshalb er sich zu den beiden in einer Gruppenumarmung gesellte. Ben zog mich zu ihnen in die Umarmung herein und nach kurzem Zögern und gute Zureden gesellte sich auch Lennox zu uns. Automatisch legten wir alle nach ein paar Augenblicken die Hände übereinander: „Alpha Cru!“

Wir schossen noch ein Selfie und dann mussten wir uns beeilen, um das Jugendamt noch rechtzeitig zu erreichen. Während Lennox und Alea hineingingen, warteten Sammy, Tess, Ben und ich draußen. Wir setzten uns auf die Treppe und warteten in etwas angespanntem Schweigen. Ich sah mich immer wieder nervös um. Das schien Ben aufzufallen. Er warf mir besorgte Blicke zu. Lennox und Alea kamen wieder nach draußen und erzählten uns, was sie herausgefunden hatten. Anscheinend wurde am selben Tag wie Alea noch ein weiteres Kind auf die selbe Weise abgegeben. Das war wirklich merkwürdig. Wir beschlossen zum Südstrand zu gehen, das war der Strand, an dem Alea damals abgegeben wurde. Er war wunderschön mit feinem, weißen Sand. Alea entdeckte etwas weiter weg und wir liefen langsam darauf zu. Als wir näher kamen, erkannten wir, dass es ein toter Orca war. Alea brach weinend hinter einem Strandkorb zusammen. „Das war mein Orca!“, schluchzte sie. Die anderen sagen sie nur hilflos an. Ich jedoch wusste genau, wie Alea sich gerade fühlte. Ich setzte mich neben sie in den Sand und nahm sie wortlos in den Arm. „Sie öffnen jetzt den Bauch des Wales.“, informierte Ben uns. Ich sagte nichts. Ben bemerkte nicht einmal, dass das gerade ziemlich unsensibel gewesen war. „Was ist das?“, fragte Lennox plötzlich und zog scharf die Luft ein, „Alea, das musst du dir ansehen!“

Alea spähte um den Rand des Strandkorbes. „Da steht was drin!“, keuchte Alea. Jetzt sah auch ich um die Ecke des Korbes. „Ich hole sie.“, entschied Lennox und lief auch schon los. Nur ein paar Sekunden später war er auch schon wieder da. Mit der Kugel in seiner Hand. Es war eine Schneekugel. Er gab sie Alea. Diese drehte sie um und schnappte nach Luft: „Da, die Schrift!“

Tess blinzelte verwirrt: „Da steht nichts.“

„Doch.“, Lennox kniff angestrengt die Augen zusammen, „ Ich kann es lesen.“

„Was steht denn da?“, fragte Sammy ungeduldig. Alea las vor, was wir anderen nicht lesen konnten: „Ihr, die ihr dies lesen könnt, kommt nach Loch Ness.“

„In welcher Sprache ist das?“, wollte Ben wissen. Alea zuckte ratlos mit den Schultern: „Es muss Wassersprache sein. Also ich meine, Wasserschrift.“

Tess sah Lennox misstrauisch an: „Warum kannst du das lesen? Konntest du Alea etwa auch verstehen, als sie mit den Kobolden geredet hat?“

Lennox nickte unschlüssig. Ich sah zwischen Alea und Lennox hin und her: „Ihr seid also beide irgendwie das Gleiche oder zumindest etwas Ähnliches.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Lennox sah mich fest an: „Das müssen wir herausfinden.“

Alea nickte: „Wir müssen nach Loch Ness!“

„Wie gut, dass wir ein Segelschiff haben.“, sagte Ben grinsend. Sammy lachte: „Los geht’s!“

Und schon rannten wir über den Strand davon. Zurück zur Crucis.

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Helena Andromeda | Kapitel 4

Sammy und ich starrten nach unten ins Wasser. Ben war abgetaucht und nicht mehr zu sehen. Während ich wie erstarrt war, sprang Sammy seinem Bruder plötzlich hinterher. „Sammy, nein!“, schrie ich noch, doch es war schon zu spät. Tess fluchte leise und sprang dann mit grimmigem Gesichtsausdruck ebenfalls über die Reling. „Ich muss auch rein.“, sagte Alea plötzlich. „Nein!“, antwortete Lennox entschieden, „Das ist auch mit Kiemen zu gefährlich.“

Ich sah ihn fassungslos an: „Kiemen?“

„Lange Geschichte.“, wich Lennox aus und wandte sich wieder an Alea, um weiter mit ihr zu diskutieren. Ich sah, wie Ben und Sammy im Wasser miteinander rangelten und traf eine Entscheidung. Ich sprang ebenfalls über Bord. Oben hörte ich Lennox und Alea erschrocken keuchen, dann tauchte ich ins Wasser. Ben und Sammy befanden sich gerade an der Schiffsschraube, wo Ben eine lange Plastikplane Stück für Stück abschnitt. Plötzlich tauchte auch Alea ins Wasser ein. Als ich sie ansah, erstarrte ich. Alea war grün. Und sie hatte Schwimmhäute und Kiemen! Auch Tess, die auf Aleas anderer Seite schwamm, wirkte ziemlich fassungslos. Sammy und Ben, die gerade zum Luft holen nach oben kamen, erstarrten ebenfalls. Und plötzlich eine weitere Erschütterung im Wasser. Lennox war zu ihnen gesprungen. Alea schwamm sofort zu ihm und tauchte mit ihm auf. Tess, Ben, Sammy und ich folgten ihnen. „Du bist eine Meerjungfrau!“, rief Sammy begeistert. Tess schien an ihrem Verstand zu zweifeln: „Ist das wahr?“

Alea nickte etwas zerknirscht. Dann versprach sie, uns später alles zu erzählen. Ben wollte wieder untertauchen, um sich weiter um die Schiffsschraube zu kümmern, doch Alea hielt ihn zurück. „Ich werde Hilfe aus dem Meer holen.“, entschied sie. Schneller, als wir widersprechen konnten, war sie auch schon weggeschwommen. Ben hielt es nicht lange aus, zu warten. Er beschloss, erneut zur Schiffsschraube zu tauchen. „Nein.“, flehte ich leicht verzweifelt, „Ben, tu das nicht.“

Er lächelte mich entschuldigend an, drückte kurz meine Hand und tauchte dann ab. Sammy begann zu brüllen und Tess packte ihn schnell, damit er Ben nicht hinterher schwamm. Ich war wie erstarrt. Was, wenn Alea nicht rechtzeitig zurück kam? Was, wenn die Schiffsschraube Ben tatsächlich umbrächte? Da tauchte Alea plötzlich wieder auf. Ich hörte, wie Lennox hinter mir erleichtert die Luft ausstieß. Um Alea herum tauchten plötzlich eine Menge kleiner, bunter Wesen auf. Fassungslos starrte ich sie an. Waren das Kobolde? Ben tauchte wieder auf. Alea nahm ihm das Messer ab und tauchte mit den Kobolden unter. Tess und ich kletterten zurück an Bord, um das Schiff zu steuern, sobald Alea es geschafft hatte, die Schraube zu befreien. Daran, dass sie es schaffen würde, zweifelten wir nicht. Tatsächlich setzte die Crucis sich einige Zeit später wieder in Bewegung. Kurze Zeit später kletterten auch Alea, Lennox, Ben und Sammy wieder an Bord. Tess stellte den Motor ab und wir gingen zu den anderen. Ben, Sammy und Tess begannen, Alea mit Fragen zu bombardieren. Ich hielt mich etwas abseits. Alea war anders, das wusste ich nun mit Sicherheit. Und das war gut, damit war ich mir auch relativ sicher. Die andere kannten sie länger, daher waren sie verständlicherweise ein wenig sauer und wollten alles sofort wissen. Ich würde Alea jedoch in Ruhe lassen. Schließlich hatte ich selbst einige Geheimnisse, die ich den anderen noch nicht anvertrauen wollte. „Wie viele Geheimnisse hast du eigentlich?“, fragte Ben gerade. Seine Stimme hatte einen leicht enttäuschten Unterton. Plötzlich sprang Lennox mit einem Knurren vor Alea: „Keine Fragen mehr!“

Alea zog ihn außer Hörweite und sie diskutierten kurz. Dann kamen sie zurück und Lennox entschuldigte sich bei Ben. Dieser sah ihn nur warnend an: „Was sollte das?“

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Lennox schuldbewusst, „Ich habe ständig das Gefühl, Alea beschützen zu müssen.“

Das ergab Sinn, warum sonst wäre er einfach auf ein Schiff gegangen? Oder hätte sich in voller Absicht in den Regen gestellt? Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke. Was, wenn Lennox auch so war wie Alea? Er konnte magische Dinge. Allerdings bekam er keine Kiemen. Aber was, wenn er etwas Ähnliches war, wie sie? Alea erzählte ihnen jetzt die ganze Geschichte. Von der Krankheit, von der sie jahrelang dachte, dass sie sie hätte, von ihrer Verwandlung bis hin zu jetzt. Das alles klang ziemlich verrückt. Und hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich es nicht geglaubt. Doch ich hatte es gesehen und so bleib mir nichts anderes übrig, als einzusehen, dass es eine magische Welt im Wasser tatsächlich gab.

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Helena Andromeda | Kapitel 3

Ich hatte nicht lange geschlafen, als die Bordtür sich öffnete und Alea und Lennox hereinkamen. Lennox stützte sich schwer auf sie, beide waren völlig durchnässt. Ich sprang auf und half Alea, Lennox aufs Sofa zu legen. Alea ging ins Bad, um Lennox ein Handtuch zu holen und sich umzuziehen. Ich blieb bei Lennox, bis Alea mit dem Handtuch wiederkam. Dann ging ich in die Kajüte der Jungen und weckte Sammy, der bereitwillig das Steuer übernahm. Ich ging wieder zurück in den Salon, wo ich Alea und Lennox nebeneinander eng umschlungen auf dem Sofa vorfand. Ein Gefühl, das ich nicht ganz zuordnen konnte, durchzuckte mich. Da ich jetzt sowieso nicht mehr schlafen könnte, nahm ich mir ein Buch und setzte mich aufs andere Sofa.

Irgendwann musste ich doch eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte standen Ben und Alea neben Lennox‘ Sofa. „Ja, er hat Fieber.“ stellte Ben gerade fest. Lennox stöhnte leise. „Was ist denn passiert?“, fragte Ben sichtlich verwirrt. „Er stand zu lange im Regen.“, mischte ich mich ein. Ben drehte sich zu mir um: „Wie meinst du das?“

„Er hat eine Art Wasserallergie.“, sagte ich Stirn runzelnd, „Kaltes Wasser macht ihn krank.“

„Er muss zum Arzt.“, entschied Ben fest.

Wir legten an einem kleinen Hafen an und Sammy und Ben begleiteten Lennox zum Arzt. „Fragt den Arzt bitte, ob Lennox vielleicht Kälteurtikaria hat.“, bat Alea noch und Ben versprach es. Ich sah Alea an, dass sie sich große Sorgen machte und mir ging es nicht anders. Dennoch sagte niemand ein Wort und alle beschäftigen sich erst einmal mit sich selbst. Irgendwann erklangen von Deck die Töne von Tess‘ Akkorden und ihre Stimme. Als sie aufhörte zu spielen, beschloss ich, ebenfalls nach oben zu gehen. Alea und Tess unterhielten sich. „… so ein Gefühl für ihn. Es ist, als würden wir zusammen gehören. Als hätten wir schon zusammen gehört, bevor wir uns überhaupt kannten.“, hörte ich Aleas Stimme, als ich die Bordtür öffnete. Sofort wusste ich, dass es um Lennox ging. Ich wollte die beiden nicht bei ihrem vertrautem Gespräch stören, also drehte ich mich, so leise ich konnte, wieder um und setzte mich in den Salon. Ein paar Minuten später hörte ich, dass Sammy, Ben und Lennox zurück waren. Sie kamen in den Salon und legten Lennox aufs Sofa. „ Wie geht es ihm?“, fragte ich an Ben gewandt. Er seufzte: „Der Arzt hat ihm Antibiotikum verschrieben.“

Ich nickte nur, ich wusste genau, dass das nichts bringen würde. Sammy, Tess, Ben und ich gingen an Deck, um abzulegen. Alea blieb bei Lennox. Ich vermutete, dass sie sich verantwortlich fühlte, da er wegen ihr im Regen gestanden hatte.

Am Abend fiel Ben auf, dass wir wegen der Aufregung ganz vergessen hatten, die Hängematte aufzuhängen und so bot er mir erneut sein Bett an. Als ich ihn fragte, ob nicht heute jemand anderes die Nachtwache übernehmen sollte, schüttelte er nur lächelnd den Kopf: „Ich liebe die Nachtwache.“

Damit war das Thema erledigt und alle legten sich schlafen.

Am nächsten Morgen wurde ich von Stimmen aus dem Salon geweckt. Dort saßen Lennox, Alea und Sammy auf dem Sofa. Lennox sah zu meiner Überraschung wieder sehr gesund aus. „Dir geht es wieder besser!“, stieß ich erleichtert hervor und umarmte meinen Halbbruder fest. Er lächelte nur. „Gruppenkuscheln!“, rief Sammy begeistert. Augenblicklich zogen Lennox und ich und ein Stück zurück. Und auch Tess, die gerade den Salon betreten hatte, verzog leicht das Gesicht. Ben gesellte sich ebenfalls zu uns. Auch er schien erleichtert zu sein, dass es Lennox wieder besser ging. „Wie wäre es mit Frühstück?“, schlug er vor, „Danach lege ich mich noch ein paar Stunden aufs Ohr.“

„Können wir Kekse zum Frühstück haben?“, erkundigte sich Sammy mit einem strahlenden Lächeln bei Alea. Die nickte grinsend und ging zur Küchennische. Nach dem Frühstück legte Ben sich ins Bett, Lennox und Alea übernahmen das Steuer und Sammy und Tess spielten mit etwas Musik vor, während ich die Wäsche an die Leine hängte. Mittags kam dann Ben mit einer großen Wassermelone an Deck und alle gingen zu ihm, um etwas davon zu bekommen. Während Sammy und Tess darüber diskutierten, ob sie alle zusammen lachen sollten, ertönte plötzlich ein seltsames Geräusch. Ben sprang entsetzt auf, rannte zur Reling und sah besorgt nach unten ins Wasser. „Da hat sich was in der Schraube verhakt!“, schrie Sammy bestürzt, „Das kann den ganzen Motor kaputt machen!“

Ben stürzte zum Deckshäuschen, um den Motor abzustellen, doch es funktionierte nicht. Das Schiff begann zu Ruckeln. „Stell den Motor ab.“, schrie Sammy leicht panisch. „Es geht nicht!“, brüllte Ben. Das Ruckeln des Schiffes hörte auf. „Dreht sich die Schraube nicht mehr?“, fragte Lennox vorsichtig. „Wird der Motor explodieren?“, fragte Alea erschrocken. Niemand antwortete. Ben starrte finster ins Leere. Dann wurde sein Gesichtsausdruck entschlossen. Er lief zum Tisch, schnappte sich das Messer und lief zurück zur Reling. „Was hast du vor?“, fragte Sammy erschrocken, „Du willst doch nicht wirklich da rein und die Schraube los schneiden?“

„Doch!“, widersprach Ben fest und sprang über Bord. „Nein!“, schrie Sammy erschrocken, „Die Schraube wird dich zerschreddern!“

Tess, Alea und Lennox waren wie erstarrt. Sammy und ich sprinteten zur Reling. Das durfte einfach nicht wahr sein!

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Helena Andromeda | Kapitel 2

„Andromeda!“, rief Sammy aufgeregt. Ich öffnete die Augen. „Ben, was ist die Bedeutung von Andromeda?“, fragte Lennox. „Andromeda war in…“, setzte Ben an, doch ich unterbrach ihn: „In der griechischen Mythologie war Prinzessin Andromeda die einzige Tochter des Konigs Kepheus und seiner Gattin Kassiopeia. Zur gleichen Zeit lebten die Nereiden, 50 Töchter des Titanen Nereus und seiner Frau Doris. Jede einzelne jener 50 Frauen galten als die Definition der Schönheit in der Antike. Poseidon, der Gott des Meeres, nahm eine von ihnen zur Frau. Als Kassiopeia, getrieben von ihrem Eitel, sich und ihre Tochter als die schönsten Frauen der Welt bezeichnete, wurde Poseidon gedrängt ein Meeresungeheuer in Form eines Walfisches zu entsenden, um die Küste von Kepheus’ Reich zu verwüsten. Um seine Untertanen zu schützen, suchte Kepheus ein Orakel auf. Dieses besagte, dass er Andromeda opfern müsse, um die Wut des Meeresgottes und seiner Frau zu besänftigen. Demnach kettete er seine eigene Tochter an einen Felsen, die voller Angst auf ihr Schicksal wartete. Als sich das Seeungeheuer Cetus ihr näherte, erschien der Held Perseus. Dieser erkannte die Schönheit und die Unschuld der jungen Frau. Er rettete sie schließlich vor dem Tod, indem er das Ungeheuer vernichtete. Später nahm Perseus Andromeda zur Frau. Zur Erinnerung dieser Geschichte wurden alle Beteiligten als Sternbild in den Himmel gesetzt.“

Ben starrte mich fassungslos an: „Du kennst die Übersetzung?“

Auf diese Frage antwortete ich nicht, denn sie war quasi selbsterklärend. Auch die anderen sahen mich überrascht und fragend an. „Ich lese gerne.“, erzählte ich, „Und Mythologie interessiert mich besonders, vor allem die griechische.“

„Ah.“, machte Alea, die anderen nickten nur. „Wir müssen mal überlegen, wo Lennox und Helena schlafen.“, sagte Ben und sah fragend in die Runde. „Theoretisch hätten wir zwei Sofas.“, meinte Tess, „Aber dann hätten wir im Salon keinen Platz mehr zum Sitzen.“

„Ja.“, Ben nickte. „Wir könnten eine Hängematte im Salon aufhängen.“, schlug Sammy strahlend vor, „Da schläft Helena. Und Lennox schläft auf einem der Sofas.“

Tess und Alea nickten. Ben sah seinen kleinen Bruder lächelnd an: „Das ist eine gute Idee. Ich glaube, wir müssten in einer der Kisten noch eine Hängematte haben. Aber danach gucken wir morgen. Jetzt ist es langsam Zeit zum Schlafen gehen. Helena, willst du noch Duschen?“

Ich nickte: „Ja, das wäre echt super.“

„Okay.“, sagte Ben, „Ich glaube Tess kann dir ein paar Klamotten leihen?“

Tess nickte nur. „Gut.“, sagte Ben erneut, „Du kannst heute Nacht dann in meinem Bett schlafen. Ich mache Nachtwache.“

Überrascht sah ich ihn an: „Danke.”

Er lächelte: „Kein Problem.“

Nachdem ich mir eine Jeans und einen Pullover von Tess geliehen hatte, ging ich duschen. Danach zeigte Sammy mit die Kajüte der Jungs. Sammy kletterte flink auf das obere Bett. Dann war Bens Bett wohl das untere. Ich legte mich mit Jeans und Pullover hinein. Sammy begann schnell zu schnarchen. Doch ich konnte nicht einschlafen. Andromeda. Das konnte doch kein Zufall sein. Irgendwann hatte ich genug davon, mich von einer Seite auf die andere zu rollen, ohne, dass es etwas brachte. Ich stand auf und verließ leise die Kajüte. Dann schlich ich mich durch den Salon nach draußen. Dort stellte ich mich an die Reling. Irgendwann bemerkte ich, dass Ben mich beobachtete. Als er sah, dass ich zu ihm schaute, winkte er mich zu sich. Langsam lief ich zum Deckshäuschen. Ben schob einen kleinen Schemel neben dem, auf dem er saß und klopfte mit der Hand auffordernd darauf. Ich setzte mich: „Hi.“

„Hi.“, antwortete er und musterte mich fragend, „Konntest du nicht schlafen?“

„Nein.“, sagte ich und sah nachdenklich aufs Meer, „Glaubst du an Schicksal?“

Ich spürte seinen überraschten Blick auf mir, doch ich sah ihn nicht an. „Ja.“, antwortete er schließlich, „Ich glaube, es war kein Zufall, dass wir sechs zueinander gefunden haben.“

Ich nickte. „Warum fragst du?“, fragte er mich. Ich seufzte: „Diese Bandennamen. Andromeda, das kann kein Zufall sein. Was meinst du, ob sie auch Schicksal sind? Ob sie für uns alle eine größere Bedeutung haben?“

„Kann schon sein.“, sagte Ben, „Weißt du, welche Bedeutung Andromeda in deinem Leben haben könnte?“

„Ja.“, sagte ich nur. Ben schien zu warten, ob ich noch etwas sagen würde, doch ich schwieg. „Schau, da ist der kleine Wagen.“, meinte er schließlich und deutete zum Himmel. Er schien mich nicht drängen zu wollen, ihm etwas zu erzählen. Ich lächelte: „Stimmt. Und da ist Aquila.“

Er lächelte mich überrascht an: „Du kennst dich aus mit Sternbildern?“

„Ein bisschen.“, sagte ich, „Ich habe mir oft die Sterne angesehen durch mein Fenster.“

„Wo hast du gelebt?“, fragte Ben vorsichtig. Ich lächelte traurig: „In einer Villa in Italien.“

„Warum bist du abgehauen?“, Ben war neugierig, aber er fragte ganz sanft, er wollte mich anscheinend nicht abschrecken. „Ich habe mich gefangen gefühlt.“ antwortete ich nach kurzem Zögern, „Nichts hat mehr Sinn ergeben für mich. Meine Mutter… Fernand…“

Ich presste mir eine Hand auf den Mund, um nicht aufzuschluchzen und Ben legte mir tröstend eine Hand auf den Arm. „Was ist mit deiner Mutter?“, fragte er, nachdem ich einmal tief durchgeatmet und mich wieder beruhigt hatte, „Und wer ist Fernand?“

„Ich möchte eigentlich noch nicht darüber reden.“, sagte ich zögernd. Ben lächelte sanft: „Das ist okay. Du kannst zu mir kommen und es mir erzählen, wenn du soweit bist.“

Ich lächelte ebenfalls. Eine Weile sahen wir schweigend aufs Meer. Plötzlich öffnete sich die Tür des Deckhäuschens und Lennox trat herein: „Hallo Ben, ich wollte fragen, ob ich dich ablösen soll, du willst bestimmt auch mal schlafen.“

Wie zur Antwort gähnte Ben. Dann entdeckte Lennox mich: „Helena? Was machst du denn hier?“

„Ich hab mich mit Ben unterhalten.“, antwortete ich und stand auf, „Aber ich denke ich gehe jetzt schlafen. Lennox, kann ich deine Couch nehmen? Ben braucht sein Bett ja jetzt.“

Lennox nickte. Ben stand ebenfalls auf und wir wünschten Lennox eine gute Nacht. Dann gingen wir zusammen unter Deck.

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Helena Andromeda | Kapitel 1

Ich saß unter der Brücke und wartete auf Lennox. Wo war er bloß. Ich machte mir große Sorgen. Doch eigentlich konnte Lennox nicht erwischt worden sein. Die anderen Menschen konnten ihn schließlich nicht sehen. Er war wie ein Schatten. Einen Schatten übersah man leicht. Es raschelte im Gebüsch. Ich sprang auf. „Lennox?“, rief ich leise, „Bist du das?“
„Ja.“, antwortete seine Stimme. Einen Moment später trat er aus dem Gebüsch. Doch er war nicht alleine. Bei ihm war ein etwa 18-jähriger Junge mit süßer Rockstar-Frisur. Ich fiel Lennox erleichtert um den Hals: „Wo warst du? Ich habe mir Sorgen gemacht. Und wer ist das?“
Bei den letzten Worten deutete ich auf den fremden Jungen. „Das ist Ben.“, sagte Lennox, „Ich habe bei ihnen zu Abend gegessen, nachdem Alea mich bis hierhin verfolgt hat.“
„Wer ist Alea?“, fragte ich verwirrt, „Und wieso konnte sie dich sehen?“
„Ich weiß nicht genau.“, antwortete Lennox, „Sie ist irgendwie anders.“
„Aha.“, lautete meine Antwort und ich sah Lennox ausdruckslos an, „Du hast mich vergessen.“
„Es tut mir leid, Helena.“, sagte Lennox und warf mir ein vorsichtiges Lächeln zu. Ich schüttelte den Kopf: „Vergiss es.“
Ben trat vor und streckte mir seine Hand entgegen: „Hallo, ich bin Ben.“
„Helena.“, sagte ich kühl, ohne seine Hand zu nehmen und funkelte ihn wütend an. Ben ließ sich davon nicht beirren. „Ich wohne mit meinem Bruder und zwei anderen Mädchen auf einem kleinen Segelschiff, das Crucis heißt. Wir zu viert haben eine Bande, die Alpha Cru.“, erzählte er, „Wir würden Lennox und auch dich aufnehmen.“
Mein Blick schoss zu Lennox. „Bist du wahnsinnig?“, fauchte ich ihn wütend an, „Auf ein Segelschiff!“
Er schien es nicht zu verstehen. „Es fährt auf Wasser!“, zischte ich. Ben konnte mir wohl nicht ganz folgen, doch er fragte nicht nach. Lennox aber nickte: „Ich weiß, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es Schicksal war, dass ich Alea getroffen habe. Ich muss auf die Crucis.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“, fragte ich provokant, „Warum gehst du nicht einfach?“
„Du bist meine Schwester.“, antwortete Lennox, „Ich kann dich nicht einfach dir selbst überlassen.“
„Ich bin nur deine Halbschwester. Und wir kennen uns gerade mal seit drei Monaten.“, bemerkte ich. „Trotzdem.“, sagte Lennox, „Na los, komm. Die anderen sind wirklich nett. Ich bin mir sicher, wir werden eine tolle Gemeinschaft.“
Ben lächelte: „Ja, das denke ich auch. Sammy freut sich schon darauf, dich kennenzulernen.“.
„Na schön.“, sagte ich, „Ich hole nur noch schnell mein Zeug.“
Während wir zum Schiff liefen, dachte ich über meine Entscheidung nach. Sie war richtig. Ben war nett und die anderen bestimmt auch. Außerdem würden sie mich irgendwann finden. Ich konnte ihnen auf Land nicht ewig davonlaufen. Wir erreichten einen kleinen Hafen. Ben deutete auf ein kleines Beiboot. „Das ist die Hercules.“, erklärte er, „Mit ihr setzen wir zur Crucis über.“
Ich nickte und kletterte nach Ben und Lennox in das Boot. Ben ruderte. Nach ein paar Minuten erreichten wir ein altes, etwas heruntergekommenes Segelschiff. Wir kletterten die Außenleiter hoch. Als wir oben waren, zog Ben das Beiboot hoch, dann stampfte er zweimal mit dem Fuß auf die Schiffsplanken. Ein paar Augenblicke später kamen zwei Mädchen und ein kleiner Junge eine Treppe hoch. „Hallo und herzlich Willkommen auf der Crucis.“, sagte der kleine Junge, „Ich bin Samuel Draco, Hüter der Schätze auf diesem Schiff.“
Er strahlte mich derart glücklich an, dass mich augenblicklich tiefe Trauer durchflutete. Dieser Junge hatte eine schöne Kindheit voller Freiheit. Anders als ich oder meine Bekannten. Ich schob den Gedanken stur beiseite und lächelte Sammy an: „Hallo Samuel Draco, Hüter der Schätze. Vielen Dank, dass ich hier sein darf. Mein Name ist Helena.“
Sammy lachte. Das Mädchen mit den Dreadlocks lächelte mich an: „Bonjour. Ich bin Tess Taurus.“
Sie hatte einen französischen Akzent, sprach aber sehr gut Deutsch. „Ich bin Alea Aquarius.“, stellte sich das zweite Mädchen vor. Ihr warf ich nur ein kühles Lächeln zu. Sie konnte Lennox sehen. Und damit, dass sie anders war, hatte Lennox recht. Ich wusste nur noch nicht, ob das gut oder schlecht war. Und solange ich das nicht sicher wusste, würde ich ihr gegenüber misstrauisch sein. Ben kam mit einem Apfel zu uns, den er mir reichte: „Hier, du hast bestimmt Hunger.“
Dankbar nahm ich den Apfel und biss hinein. Sammy begann, aufgeregt auf und ab zu hüpfen: „Kommst du auch in unsere Bande? Können wir das Bandenritual machen? Jetzt?“
„Ganz ruhig Flipper.“, lachte Ben, „Helena, willst du unserer Bande beitreten?“
Ich lächelte: „Klar, gerne.“
Kaum hatte ich das ausgesprochen rannte Sammy auch schon los. Ich hatte keine Ahnung, was das für ein Ritual war. Fragend sah ich Ben an. Der lächelte: „Sammy holt ein altes lateinisches Buch mit Sternbildern. Du musst dann die Augen schließen und darin blättern, bis du das Gefühl hast, dass es die richtige Seite ist.“
Ich lächelte: „Das ist ja cool.“
Tess verdrehte die Augen, aber auch sie lächelte. „Lennox hat das Ritual vorhin auch gemacht. Sein Name ist jetzt Lennox Scorpio.“, erzählte Alea, doch ich ging nicht darauf ein. Sammy kam mit einem dicken Buch zurück. Er legte es auf den Tisch an der Sitzecke. Wir gingen zu ihm und setzten uns. Ben schob das Buch zu mir herüber. Ich schloss die Augen und schlug das Buch auf. Langsam blätterte ich um. Seite für Seite. Plötzlich breitete sich in mir ein Prickeln aus. Diese Seite war es, hier stand mein Name. Ich konnte es spüren.

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