Helena Andromeda | Kapitel 2

„Andromeda!“, rief Sammy aufgeregt. Ich öffnete die Augen. „Ben, was ist die Bedeutung von Andromeda?“, fragte Lennox. „Andromeda war in…“, setzte Ben an, doch ich unterbrach ihn: „In der griechischen Mythologie war Prinzessin Andromeda die einzige Tochter des Konigs Kepheus und seiner Gattin Kassiopeia. Zur gleichen Zeit lebten die Nereiden, 50 Töchter des Titanen Nereus und seiner Frau Doris. Jede einzelne jener 50 Frauen galten als die Definition der Schönheit in der Antike. Poseidon, der Gott des Meeres, nahm eine von ihnen zur Frau. Als Kassiopeia, getrieben von ihrem Eitel, sich und ihre Tochter als die schönsten Frauen der Welt bezeichnete, wurde Poseidon gedrängt ein Meeresungeheuer in Form eines Walfisches zu entsenden, um die Küste von Kepheus’ Reich zu verwüsten. Um seine Untertanen zu schützen, suchte Kepheus ein Orakel auf. Dieses besagte, dass er Andromeda opfern müsse, um die Wut des Meeresgottes und seiner Frau zu besänftigen. Demnach kettete er seine eigene Tochter an einen Felsen, die voller Angst auf ihr Schicksal wartete. Als sich das Seeungeheuer Cetus ihr näherte, erschien der Held Perseus. Dieser erkannte die Schönheit und die Unschuld der jungen Frau. Er rettete sie schließlich vor dem Tod, indem er das Ungeheuer vernichtete. Später nahm Perseus Andromeda zur Frau. Zur Erinnerung dieser Geschichte wurden alle Beteiligten als Sternbild in den Himmel gesetzt.“

Ben starrte mich fassungslos an: „Du kennst die Übersetzung?“

Auf diese Frage antwortete ich nicht, denn sie war quasi selbsterklärend. Auch die anderen sahen mich überrascht und fragend an. „Ich lese gerne.“, erzählte ich, „Und Mythologie interessiert mich besonders, vor allem die griechische.“

„Ah.“, machte Alea, die anderen nickten nur. „Wir müssen mal überlegen, wo Lennox und Helena schlafen.“, sagte Ben und sah fragend in die Runde. „Theoretisch hätten wir zwei Sofas.“, meinte Tess, „Aber dann hätten wir im Salon keinen Platz mehr zum Sitzen.“

„Ja.“, Ben nickte. „Wir könnten eine Hängematte im Salon aufhängen.“, schlug Sammy strahlend vor, „Da schläft Helena. Und Lennox schläft auf einem der Sofas.“

Tess und Alea nickten. Ben sah seinen kleinen Bruder lächelnd an: „Das ist eine gute Idee. Ich glaube, wir müssten in einer der Kisten noch eine Hängematte haben. Aber danach gucken wir morgen. Jetzt ist es langsam Zeit zum Schlafen gehen. Helena, willst du noch Duschen?“

Ich nickte: „Ja, das wäre echt super.“

„Okay.“, sagte Ben, „Ich glaube Tess kann dir ein paar Klamotten leihen?“

Tess nickte nur. „Gut.“, sagte Ben erneut, „Du kannst heute Nacht dann in meinem Bett schlafen. Ich mache Nachtwache.“

Überrascht sah ich ihn an: „Danke.”

Er lächelte: „Kein Problem.“

Nachdem ich mir eine Jeans und einen Pullover von Tess geliehen hatte, ging ich duschen. Danach zeigte Sammy mit die Kajüte der Jungs. Sammy kletterte flink auf das obere Bett. Dann war Bens Bett wohl das untere. Ich legte mich mit Jeans und Pullover hinein. Sammy begann schnell zu schnarchen. Doch ich konnte nicht einschlafen. Andromeda. Das konnte doch kein Zufall sein. Irgendwann hatte ich genug davon, mich von einer Seite auf die andere zu rollen, ohne, dass es etwas brachte. Ich stand auf und verließ leise die Kajüte. Dann schlich ich mich durch den Salon nach draußen. Dort stellte ich mich an die Reling. Irgendwann bemerkte ich, dass Ben mich beobachtete. Als er sah, dass ich zu ihm schaute, winkte er mich zu sich. Langsam lief ich zum Deckshäuschen. Ben schob einen kleinen Schemel neben dem, auf dem er saß und klopfte mit der Hand auffordernd darauf. Ich setzte mich: „Hi.“

„Hi.“, antwortete er und musterte mich fragend, „Konntest du nicht schlafen?“

„Nein.“, sagte ich und sah nachdenklich aufs Meer, „Glaubst du an Schicksal?“

Ich spürte seinen überraschten Blick auf mir, doch ich sah ihn nicht an. „Ja.“, antwortete er schließlich, „Ich glaube, es war kein Zufall, dass wir sechs zueinander gefunden haben.“

Ich nickte. „Warum fragst du?“, fragte er mich. Ich seufzte: „Diese Bandennamen. Andromeda, das kann kein Zufall sein. Was meinst du, ob sie auch Schicksal sind? Ob sie für uns alle eine größere Bedeutung haben?“

„Kann schon sein.“, sagte Ben, „Weißt du, welche Bedeutung Andromeda in deinem Leben haben könnte?“

„Ja.“, sagte ich nur. Ben schien zu warten, ob ich noch etwas sagen würde, doch ich schwieg. „Schau, da ist der kleine Wagen.“, meinte er schließlich und deutete zum Himmel. Er schien mich nicht drängen zu wollen, ihm etwas zu erzählen. Ich lächelte: „Stimmt. Und da ist Aquila.“

Er lächelte mich überrascht an: „Du kennst dich aus mit Sternbildern?“

„Ein bisschen.“, sagte ich, „Ich habe mir oft die Sterne angesehen durch mein Fenster.“

„Wo hast du gelebt?“, fragte Ben vorsichtig. Ich lächelte traurig: „In einer Villa in Italien.“

„Warum bist du abgehauen?“, Ben war neugierig, aber er fragte ganz sanft, er wollte mich anscheinend nicht abschrecken. „Ich habe mich gefangen gefühlt.“ antwortete ich nach kurzem Zögern, „Nichts hat mehr Sinn ergeben für mich. Meine Mutter… Fernand…“

Ich presste mir eine Hand auf den Mund, um nicht aufzuschluchzen und Ben legte mir tröstend eine Hand auf den Arm. „Was ist mit deiner Mutter?“, fragte er, nachdem ich einmal tief durchgeatmet und mich wieder beruhigt hatte, „Und wer ist Fernand?“

„Ich möchte eigentlich noch nicht darüber reden.“, sagte ich zögernd. Ben lächelte sanft: „Das ist okay. Du kannst zu mir kommen und es mir erzählen, wenn du soweit bist.“

Ich lächelte ebenfalls. Eine Weile sahen wir schweigend aufs Meer. Plötzlich öffnete sich die Tür des Deckhäuschens und Lennox trat herein: „Hallo Ben, ich wollte fragen, ob ich dich ablösen soll, du willst bestimmt auch mal schlafen.“

Wie zur Antwort gähnte Ben. Dann entdeckte Lennox mich: „Helena? Was machst du denn hier?“

„Ich hab mich mit Ben unterhalten.“, antwortete ich und stand auf, „Aber ich denke ich gehe jetzt schlafen. Lennox, kann ich deine Couch nehmen? Ben braucht sein Bett ja jetzt.“

Lennox nickte. Ben stand ebenfalls auf und wir wünschten Lennox eine gute Nacht. Dann gingen wir zusammen unter Deck.

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