„Maëlle!“, rief mein Bruder und klopfte laut gegen meine Zimmertür, „Maëlle! Ist alles in Ordnung? Es gibt Frühstück und…“
Ich stöhnte genervt auf: „Noël! Bitte, sei einen Moment leise. Aber du darfst rein kommen.“
Prompt öffnete sich die Tür und Noël trat in mein Zimmer. Als er sah, dass ich noch im Bett lag, zog er mir die Bettdecke weg. „Noël!“, kreischte ich, „Gib mir meine Decke zurück! Das ist nicht lustig!“
Noël lachte nur: „Finde ich schon.“
„Blödmann.“, murrte ich leise und Noël verschwand lachend aus meinem Zimmer. Ich stand auf und machte mich fertig. Dann ging ich in die Küche, wo mein Vater und mein Bruder bereits am Esstisch saßen. Ich setzte mich meinem Vater gegenüber an den Tisch und nahm mir ein Brötchen. Mein Vater räusperte sich. Er wirkte nervös. Ich sah ihn mit erhobener Augenbraue an: „Was ist los Dad?“
„Also… ähm… eure Maman ist ja… gegangen. Als der… Unfall passiert ist.“, stammelte mein Dad, „Und im Krankenhaus habe ich jemanden kennengelernt. Sie heißt Yasmin und lebt eigentlich in England. Sie macht hier in Frankreich nur Ferien. Ich kenne sie noch nicht lange, aber ich liebe sie, wie keine Zweite. Ich habe mich dazu entschieden, dass wir zu ihr nach England ziehen.“
Noël und ich starrten ihn beide mit offenen Mündern an. Vermutlich aber aus unterschiedlichen Gründen. „Dad, liebst du Maman nicht mehr?“, flüsterte ich, „Und außerdem will ich hier nicht weg! Was ist mit meinen Freunden? Und meiner Schule?“
„Du wirst in England neue Freunde finden. Und Hogwarts ist auch eine ausgezeichnete Schule.“, sagte Dad, „Außerdem komme ich aus England. Das weißt du Maëlle.“
Ich nickte: „Ja, schon. Aber…“
„Kein ,aber‘.“, unterbrach mich Dad, „Wir ziehen nach England. Keine Widerrede.“
Ich gab mich geschlagen. „Wann reisen wir ab?“, fraget Noël. „In drei Tagen geht unser Flug.“, antwortete Dad. „In drei Tagen?“, rief ich entsetzt, „Dad!“
Ich sprang vom Tisch auf und rannte in mein Zimmer.
Ein paar Minuten später klopfte es leicht an meine Tür. Ich antwortete nicht. Noël kam trotzdem rein. „Hey, alles okay?“, fragte er und setzte sich neben mich aufs Bett. Ich schüttelte wütend den Kopf: „Nein! Ich will nicht nach England ich will hier bleiben!“
„Ach Maëlle.“, seufzte Noël, „Sie es als Neuanfang. Madam Maxine hätte dich wahrscheinlich sowieso von Beauxbaton verwiesen, wenn sie von deinem Unfall erfahren hätte.“
Seine Stimme war immer lauter geworden. Ich saß völlig erstarrt da. Noël sah mich erschrocken an. „Maëlle, es tut mir leid.“, entschuldigte er sich, „Ich wollte nicht… weißt du, für Dad und mich ist es auch schwer. Maman, dein Unfall…“
„Ich weiß.“, antwortete ich ebenso leise, „Und du hast wahrscheinlich recht.“
Noël nickte und verlies mein Zimmer. Er wusste, dass ich jetzt lieber alleine sein wollte.
Drei Tage später saßen wir im Flugzeug. Meine letzten beiden Tage in Frankreich hatte ich mit Packen und mit meinen Freunden verbracht. Keiner von ihnen wusste von meinem Unfall. Das war vermutlich auch besser so. Sie würden mich sonst verabscheuen. Das Flugzeug landete und wir holten unser Gepäck vom Gepäckband. Kurz hinter dem Flughafen dissapparierten wir. Wir landeten vor einer langen Treppe, die zu der Haustür eines großen Anwesens führte. Dieses Anwesen war so anders als unser gemütliches, kleines Cottage in Frankreich. Ich war mir sicher, dass ich mich niemals an mein neues Leben in England gewöhnen würde. Mein Dad lief voller Vorfreude die Treppe nach oben. Noël und ich folgten ihm weniger begeistert. Wobei das bei mir noch sehr untertrieben war. Dad klingelte und nur ein paar Sekunden später öffnete eine hübsche Frau die Tür, die Dad sofort in die Arme sprang. Ich war jetzt schon genervt von ihr. Wie sollte ich das hier bloß überleben? „Kinder, das ist Yasmin.“, stellte Dad uns die Frau vor. Noël reichte ich höflich die Hand: „Hallo, ich bin Noël. Und das ist meine Schwester Maëlle.“
Er deutete auf mich. Die Frau warf mir ein strahlendes Lächeln zu. Ich zwang mir ebenfalls ein Lächeln auf die Lippen und schüttelte ihre Hand. „Kommt doch mit nach drinnen“, sagte Yasmin und führte uns in ein geräumiges Wohnzimmer. Dann lief sie zu einer Tür am anderen Ende des Raumes und rief: „Blaise! Sie sind da.“
Blaise? Ich warf meinem Vater einen fragenden Blick zu. Der räusperte sich und warf Noël und mir einen entschuldigenden Blick zu: „Also, das habe ich wohl vergessen zu erzählen. Yasmin hat einen Sohn. Blaise ist genauso alt wie du, Noël.“
Noël grinste. Für ihn war das alles ein riesiges Abenteuer. Ich öffnete empört den Mund und wollte gerade etwas erwidern, da kam Yasmin mit einem gut aussehenden Jungen zurück. Er kam zu uns und grinste uns an: „Hi, ich bin Blaise. Und ihr?“
Noël grinste zurück: „Hallo. Ich heiße Noël.“
„Maëlle.“, antwortete ich nur kühl und ohne der Spur eines Lächelns. Ja, ich hatte heute schon eindeutig genug gelächelt. „Blaise, Liebling, könntest du den beiden bitte ihre Zimmer zeigen?“, bat Yasmin. Blaise nickte und gab uns mit einer Handbewegung zu verstehen, dass wir ihm folgen sollten. Er führte uns gefühlt 1000 Treppen nach oben und Flure entlang. Irgendwann standen wir vor zwei Türen, die nebeneinander lagen. „Noël, rechts ist dein Zimmer.“, erklärte Blaise, „Maëlle, deins ist links.“
Ich nickte ihm wortlos zu und öffnete die Tür zu meinem Zimmer. Es war vollkommen in rosa und weiß gehalten und überall glitzerte es. Ich starrte fassungslos ein weißes Einhorn an der pinken Wand an. Das konnte einfach nicht ihr Ernst sein! Ich war 14, nicht vier! Wütend drehte ich mich um und suchte den Weg zurück ins Wohnzimmer. Nachdem ich mich ein paar mal verlaufen hatte, fand ich die richtige Tür und rauschte wütend ins Wohnzimmer. „Dad? Ich muss dir etwas zeigen!“, fauchte ich. Dad folgte mir sichtlich verwirrt in das Zimmer, das ich so garantiert nicht als mein Zimmer bezeichnen würde. Dort sah er sich halb schockiert, halb belustigt um. „Dad, ich weigere mich in diese Zimmer zu ziehen!“, sagte ich stur, „Ich bin 14 und nicht vier! Ich möchte, dass du es neu streichst.“
Dad nickte nur: „Ich werde mit Yasmin reden und morgen alles neu streichen.“
Er verlies mein Zimmer, um die Koffer zu holen und ich setzte mich auf das Bett. Dabei warf ich dem Einhorn auf der Wand wütende Blicke zu.

