Lia | Kapitel 4

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Ich hatte wieder meine alten Sachen, die Arwen für mich gesäubert hatte, an und meine Waffen und meinen Beutel mit dem Nötigsten umgeschnallt. Außerdem hatte Arwen mir eine Kette geschenkt. Der Anhänger war gold und vereinte Sonne, Mond und Sterne.

Die ersten Tage der Reise herrschte eine ziemlich distanzierte Stimmung. Wir sprachen nur das Nötigste miteinander. Doch it der zeit wurde es besser. Wir lernten uns kennen. Heute rasteten wir bei einer großen Gruppe von Steinen. Sam hatte Feuer gemacht und rührte in einem Kessel herum, der darüber hing. Es hatte sich sehr schnell herausgestellt, dass Sam gut kochen konnte und so war es zu seiner Aufgabe geworden. Gandalf und Gimli diskutierten über die beste Route und Boromir versuchte, Merry und Pippin den richtigen Umgang mit dem Schwert beizubringen. Aragorn und ich saßen daneben und gaben Tipps, während ich versuchte, meine Haare zu einer praktischen Frisur zu flechten. “Nimm das Schwert in beide Hände, Pippin.”, rief Aragorn und lachte leise. “Merry, hol ein bisschen mehr aus, du brauchst den Schwung für einen kraftvollen Schlag.”, erklärte ich dem Hobbit und löste meine halb geflochtene Frisur, da sie sich gerade ohnehin wieder auflöste. “Danke.”, antwortete Merry fröhlich auf meinen Tipp. “Brauchst du Hilfe?”, fragte plötzlich Legolas, der lautlos hinter mich getreten war. “Ja.”, sagte ich erleichtert und lächelte ihn an, “Danke Legolas.”
Er lächelte zurück und setzte sich hinter mich. Dann flocht er die Hälfte meiner Haare geschickt zu einem Kranz. “Danke.”, sagte ich noch einmal, als er fertig war. Er grinste: “Immer wieder gerne.”
Ohne uns abzusprechen standen wir auf, liefen zum Rand der Steinansammlung und blickten in die Ferne. “Was ist das?”, fragte Legolas plötzlich und deutete auf eine dunkle Wolke, die sich uns ziemlich schnell näherte. “Ein Wolkenfetzen.”, meinte Gimli gleichgültig. “Der sich ziemlich schnell bewegt.”, Boromirs Lachen hatte einem besorgten Tonfall Platz gemacht. “Crebain aus Dunland!”, rief Legolas im gleichen Moment, in dem ich schrie: “Versteckt euch!”
Boromir packte Merry und Pippin und stürzte sich mit ihnen in die Büsche. Aragorn und Frodo hechteten unter einen Felsen. Gimli schnappte sich Sam, der schnell unser Gepäck zusammengesucht hatte und Gandalf führte das Pony Lutz weg. Ich griff nach einem Kelch mit Wasser und schüttete es über das Feuer. “Lia!”, rief Legolas. Er saß unterhalb der Felsen in einem Baum. Ich rannte los und sprang. Legolas fing mich geistesgegenwärtig auf. Gerade. ich rechtzeitig. Schon erreichten die Crebain die Felsen, umschwirrten sie und zogen dann wieder ab. Wir warteten noch kurz und kamen dann langsam wieder aus den Verstecken. “Wir müssen den Pass des Caradhras nehmen.”, entschied Gandalf grimmig. Niemand widersprach ihm und so fanden wir uns ein paar Stunden später auf einem Berg in hüfthohem Schnee wieder. Legolas hatte kaum Probleme. Als Elb konnte er einfach über den Schnee laufen. Auch ich sank durch mein Elbenblut nicht ganz so tief ein wie Aragorn, Boromir und Gandalf. Die Hobbits hatten es am Schwersten. Frodo stolperte und purzelte den leichten Abhang wieder nach unten. Aragorn fing ihn auf. Doch bei dem Sturz hatte Frodo den Ring verloren. Der wurde gerade von Boromir aufgehoben. Er hielt den Ring an der Schnur vor sein Gesicht und starrte ihn wie hypnotisiert an. Ich wollte zu ihm gehen und ihm den Ring abnehmen, doch Legolas hielt mich zurück. Was vermutlich besser war. Ich war schließlich auch nicht immun gegen die Macht des Ringes. “Boromir.”, sagte Aragorn gefährlich ruhig, “Gib Frodo den Ring zurück.”
Frodo sah etwas erschrocken aus. Aragorns Hand lag auf dem Schwertgriff. Etwas wiederwillig gab Boromir den Ring zurück. Er überspielte es mit einem Lachen. Wir liefen weiter. Boromir ging jetzt neben mir. Er wirkte niedergeschlagen. “Es ist nicht deine Schuld.”, sagte ich leise, “Die Macht des Ringes ist stark.”
“Dir und Aragorn macht er nichts aus.”, meinte Boromir. Ich lächelte nachsichtig: “Ich glaube, der Ring ist stärker für die, die nach Machst streben. Du willst Macht. Das ist, zumindest in deinem Fall, nichts Schlimmes. Ich bin mir sicher, du wärst ein guter Herrscher. Aber im Gegensatz zu dir, wollen Aragorn und ich keine Macht. In Aragorns Fall hat er sich gar aktiv gegen Macht entschieden. Ich will nicht behaupten, dass der Ring uns nichts anhaben kann. Auch wir spüren die Macht. Nur eben einfach nicht so stark wie du.”
Boromir lächelte leicht: “Danke Lia.”
Ich erwiderte das Lächeln und ließ mich zurückfallen, bis ich neben Aragorn am Ende unseres Zuges lief. “Er fühlt sich schlecht.”, stellte Aragorn fest. Ich nickte nur. Aragorn seufzte leise. “Vermisst du Arwen?”, fragte ich ein paar Minuten später. Sobald er ihren Namen hörte, erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. “Ja.”, antwortete er schlicht, “Ich liebe sie.”
Ich lächelte leicht. So etwas wie Aragorn und Arwen wollte ich auch haben. “Du hast Arwen kennengelernt.”, sagte Aragorn, “Wie fandest du sie?”
“Sie ist wirklich nett.”, antwortete ich lächelnd. Dann schwiegen wir wieder. Kurze Zeit später wurde der Schnee noch tiefer. Links von uns befand sich eine glatte Felswand. Rechts ging es steil nach unten. Ein scharfer Wind kam auf und mit ihm bekam ich ein komisches Gefühl. “Irgendetwas stimmt hier nicht.”, murmelte ich eher zu mir selbst, “Das ist kein normaler Wind.”
“Was?”, fragte Frodo vor mir etwas verwirrt. Ich antwortete ihm nicht. Stattdessen brüllte ich: “Stopp!”
Gerade noch rechtzeitig bleib unser kleiner Zug stehen. Vor Legolas, der an der Spitze lief, fielen einige große Felsbrocken in die Tiefe. Der Wind wurde zu einem Sturm. Doch er wurde on einem seltsamen Flüstern begleitet. “Das ist Saruman.”, erklärte uns Gandalf mit lauter Stimme, “Er versucht, dem Berg zum Einsturz zu bringen!”
Na toll. Dann kamen einige Massen an Schnee zu uns runter und begruben uns darunter. Für einen Moment lang dachte ich, dass Saruman es tatsächlich geschafft hatte, den Berg zum Einsturz zu bringen und ich tot war. Doch dann wurde ich von Aragorn aus dem Schnee gezogen. Ich war also doch nicht tot. “Alles okay?”, fragte Aragorn besorgt. Ich nickte nur und sah mich um. Auch alle anderen Gefährten waren wohlbehalten wieder aus dem Schnee aufgetaucht. “Gandalf, wir müssen umkehren.”, drängte Aragorn. Brillante Idee. Der Mann war sympathisch. “Lasst uns die Pforte von Rohan nehmen.”, schlug Boromir vor. “Nein.”, widersprach Aragorn sofort, “Der Weg führt zu nah an Isengard vorbei.”
Auch Gimli mischte sich jetzt ein: “Wir sollten durch die Mienen Morias gehen. Mein Vetter Bali würde uns fürstlich begrüßen.”
“Lassen wir den Ringträger entscheiden.”, verkündete Gandalf. Der arme Frodo wirkte etwas überfordert. “Wir gehen durch die Mienen Morias.”, legte er fest. Gandalf neigte den Kopf: “So soll es sein.”

4
0

Lia | Kapitel 3

Der Ringrat fand im Innenhof des großen Gebäudes statt. Als Aragorn und ich ihn betraten, waren bereits fast alle anwesend. Drei kleine Gruppen von Elben aus verschiedenen Gegenden, die sich untereinander angeregt unterhielten. So weit weg von ihnen, wie möglich, saßen ein paar Zwerge, die die Elben misstrauisch beäugten. Dann waren da noch Gandalf der Graue und ein kleiner Hobbit. Das musste Frodo sein, der Ringträger. Aragorn und ich setzten uns neben eine Gruppe Elben, von denen ich annahm, dass sie aus Düsterwald kamen.

Legolas’ Sicht:
Ich beobachtete die junge Frau, die zusammen mit Aragorn den Innenhof betreten hatte. Sie war eindeutig menschlich, aber irgendetwas stimmte da nicht. Nach ein paar Sekunden begriff ich, dass es ihre Bewegungen waren, die irgendwie elbisch wirkten. Ich erstarrte. Konnte es sein, dass sie eine Halbelbe war? Der Blick, mit dem sie sich umsah, zeigte außerdem von einer schnellen Auffassungsgabe und viel Konzentration und Aufmerksamkeit. Alles, was man für einen Kampf brauchte. Ob sie wohl kämpfen konnte? Ich konnte keine Waffen entdecken. Sie trug lediglich ein elegantes, dunkelrotes Elbenkleid. Auch die hochgesteckten, dunkelbraunen Haare, ließen sie eher wie eine brave Elbenfrau wirken. Genau die Art, für die ich mich eigentlich nicht interessierte. Eigentlich. Denn irgendetwas an dieser jungen Frau zog mich voll und ganz in ihren Bann.

Lias Sicht: 
Kurz nach uns trafen die Menschen ein, dann begann Elrond mit der Versammlung. Er berichtete uns, worum es ging und bat Frodo, den Ring in die Mitte unserer Versammlung auf einen Steintisch zu legen, was der junge Hobbit auch tat. “Wir müssen…”, setzte Elrond an, wurde aber von einem der Menschen unterbrochen: “Er ist ein Geschenk. Wir sollten ihn gegen Sauron einsetzen. Gebt Gondor den Ring.”
Aragorn stand auf: “Ihr könnt ihn nicht benutzen, Boromir. Alleine Sauron kontrolliert ihn.”
“Was weiß ein einfacher Waldläufer schon davon?”, fragte der Mensch, Boromir abfällig. Ein blonder Düsterwald-Elb sprang auf: “Er ist kein einfacher Waldläufer. Das ist Aragorn, Arathorns Sohn. Du bist ihm zur Treue verpflichtet.”
“Legolas, setzt dich.”, bat Aragorn auf Elbisch. Legolas, der blonde Elb, setzte sich wieder auf seinen Stuhl und auch Aragorn und Boromir ließen sich wieder auf ihre Plätze sinken. “Zerstören wir ihn doch einfach.”, schlug einer der Zwerge vor und bevor ihn jemand aufhalten konnte, war er aufgestanden und holte mit der Axt aus. Als sie auf den Ring traf, zersprang die Axt in mehrere Teile. Der Ring blieb unversehrt. Der Zwerg sah ziemlich geschockt aus, während um elronds Mundwinkel ein leichtes Schmunzeln tanzte. “Der Ring kann nicht zerstört werden.”, erklärte er, “Zumindest durch nichts, das wir hier haben. Im Feuer des Schicksalsberges geschmiedet, kann er nur dort zerstört werden. Einer von euch muss das tun.”
Schweigen. Langsam verstand ich, wofür Aragorn mich dabei haben wollte. Schließlich brach Boromir das Schweigen: “Man kann nicht einfach in den Schicksalsberg hineinspazieren.”
Er lang, als würde er es gerade einer Gruppe von Dummen erklären. Aber ich musste ihm recht geben. So einfach, wie Elrond es darstellte, war es nicht. Legolas sprang wieder aus: “Habt ihr nicht gehört, was Herr Elrond gesagt hat? Der Ring muss zerstört werden!”
“Und Ihr haltet Euch für den Richtigen?”, fragte der Zwerg mit der Axt böse. “Und was, wenn wir es nicht schaffen?”, Boromir stand ebenfalls auf. Auch der Zwerg sprang jetzt auf: “Eher sterbe ich, als den Ring in der Hand eines Elben zu sehen!”
Jetzt sprangen auch die anderen Männer auf und ein Streit brach los.

Legolas’ Sicht:
Ich diskutierte gerade lautstark mit einem dieser verdammten Zwerge, als eine laute Frauenstimme alle im Innenhof innehalten ließ: “Ruhe!”
Die junge Frau, die mit Aragorn gekommen war, war aufgestanden und hatte uns alle nur mit diesem einen Wort wieder in die Gegenwart zurückgeholt. “Was hat ein Weib uns schon zu sagen?”, fragte der Zwerg, mit dem ich gestritten hatte, mürrisch. Ich wollte mich umdrehen und ihn zurechtweisen, doch die junge Frau war schneller. Blitzschnell zog sie ein Schwert unter dem Kleid hervor und hielt es dem Zwerg an die Kehle. Damit hatte sich meine Frage, bezüglich ihrer Kampffähigkeiten, wohl geklärt. “Pass auf, dass das Weib dir nicht gleich den Kopf abhackt!”, zischte sie den Zwerg wütend an. Aragorn trat zu ihr und legte ihr beschwichtigend eine Hand auf den Arm: “Beruhig dich bitte, Lia.”
Lia also. Sie steckte das Schwert wieder weg und sah ruhig in die Runde: “Frodo wollte etwas sagen.”
“Ich bringe den Ring nach Mordor.”, wiederholte er, was wir Streitenden vorher offenbar überhört hatten, “Auch, wenn ich nicht weiß, wo das ist.”

Lias Sicht:
“Ich werde dir helfen, diese Borde zu tragen.”, schloss Gandalf sich ihm an. Auch Aragorn trat zu ihnen: “Sollte ich dich durch mein Leben oder meinen Tod schützen können, werde ich es tun.”
Legolas, der Zwerg mit der Axt und Boromir schlossen sich der Ring-Gemeinschaft an. Dann sprang plötzlich Sam aus dem Gebüsch: “Ohne mich geht Herr Frodo nirgendwo hin!”
“Wohl wahr.”, meinte Elrond halb belustigt, halb missbilligend, “Man kann euch nicht einmal trennen, wenn Frodo auf einer geheimen Versammlung eingeladen ist und du nicht.”
“Wir kommen auch mit!”, riefen Merry und Pippin und stürmten den Innenhof von der anderen Seite. Elrond sah jetzt etwas verwirrt aus. Ich spürte Aragorn Blick und sah zu ihm. In seinen Augen stand eine Frage. Ich nickte kaum merklich. Meine Entscheidung stand fest. Aragorn lächelte leicht. “Auch ich werde euch begleiten.”, verkündete ich und trat zu ihnen. “Aber… du bist eine Frau.”, wandte Boromir ein. Frauenfeindlicher Idiot! Sollte ich ihm lieber das Knie, den Fuß oder gleich das Schwert in die Kronjuwelen rammen? Aragorn schien zu ahnen, was ich dachte, denn er legte mir eine Hand auf die Schulter und schüttele leicht den Kopf. Na schön, dann halt nicht. Stattdessen lächelte ich Boromir unschuldig an: “Hast du ein Problem damit?”
“Ich glaube nicht, dass du stark genug bist.”, antwortete er geradeheraus. Meine Mordgedanken wurden von Aragorn unterbrochen: “Ich habe sie alleine eine Gruppe von Orks besiegen sehen. Ich versichere dir, dass sie stark genug ist.”
“Ich bin eine Waldläuferin.”, mischte ich mich ein, “Wenn ich nicht stark genug wäre, würde ich nicht hier stehen.”
Boromir sagte nichts mehr. “Zehn Gefährten.”, Elronds Stimme klang irgendwie feierlich, “So soll es sein.”
“Großartig!”, sagte Pippin, “Und wo soll es hingehen?”
Alle starrten ihn an, niemand antwortete. Ich hatte das ungute Gefühl, dass Merry und Pippin nicht den leisesten Schimmer einer Ahnung hatten, worauf sie sich hier eingelassen hatten.

4
0

Lia | Kapitel 2

Die drei Hobbits, Aragorn und ich blieben vor der großen Eingangstür von Erlands Palast stehen. Aragorn klopfte und ein paar Sekunden später öffnete ein dunkelhaariger Elb die Flügeltür. Er führte uns in einen großen Salon und lächelte uns höflich an: “Elrond wird gleich hier sein. Setzt euch doch.”
Damit ließ er uns alleine. Wir setzten uns auf die Sessel und Sofas und tatsächlich betrat nur ein paar Minuten später ein weiterer Elb den Salon. Elrond. Auch ihn kannte ich nicht persönlich, aber ich hatte schon Gemälde von ihm gesehen, weshalb ich ihn sofort erkannte. Er musterte uns kurz, begrüßte uns mit einem Nickten und wandte sich dann an Aragorn. “Arwen hat mir bereits berichtet, dass ihr kommen würdet.”, sagte er mit ruhiger Stimme, “Ich habe Frodo versorgt. Er wird es überleben. Gandalf ist bei ihm. Er braucht Ruhe und ist noch nicht bei Bewusstsein. Ich nehme an, du weißt bereits vom Ringrat?”
Aragorn nickte: “Ja.”
“Sehr schön.”, erwiderte Elrond und wandte sich an die drei Hobbits, “Wir haben Zimmer für euch hergerichtet. Vor der Tür wartet Faldor auf euch. Er wird sie euch zeigen.”
Die Hobbits bedankten sich und verließen den Raum. Elrond setzte sich und musterte mich mit einem wissenden Blick. Was bitte wusste er, das ich nicht wusste? “Herzlich Willkommen in Bruchtal.”, sagte er mit einem schmalen Lächeln, “Ich bin Elrond. Wer seid Ihr?”
“Danke.”, sagte ich, ohne sein angedeutetes Lächeln zu erwidern, “Mein Name ist Lia.”
“Eine Waldläuferin?”, vermutete Elrond. Ich antwortete nur mit einem knappen Nicken. “Und eine Halbelbe?”, Elrond Frage brachte mich aus dem Konzept. “Woher…?”, begann ich, brach aber ab. Jetzt schlich sich ein echtes Lächeln auf Elronds Gesicht: “Ich habe euch ankommen sehen. Die Art, wie Ihr euch bewegt. Wie die Elben. Allerdings habt Ihr keine spitzen Ohren. Daher meine Vermutung, dass Ihr eine Halbelbe seid.”
Mein Blick huschte zu Aragorn. “Ja.”, beantwortete dieser meine unausgesprochene Frage, “Ich habe es geahnt.”
Ich sah wieder zu Elrond. Sein Lächeln war verschwunden. “Aragorn, warum hast du sie her gebracht?”, fragte er jetzt ganz direkt. Offenbar hatte Elrond genug von den ungezwungen, höflichen Plaudereien. “Ich habe sie gegen eine Gruppe von Orks kämpfen gesehen.”, erklärte Aragorn ihm, was er auch mir gesagt hatte, “Wir wissen beide, zu was das hier herauslaufen wird. Da können wir eine weitere Person, die gut mit Waffen umgehen kann, sehr gut gebrauchen.”
Elrond wirkte noch nicht ganz überzeugt, weshalb Aragorn hinzufügte: “Außerdem ist sie viel unterwegs als Waldläuferin. Vielleicht hat sie noch wichtige Informationen.”
Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück. Schön, wenn die beiden über mich reden wollten, als wäre ich überhaupt nicht da, sollten sie doch. Ich würde ihr wichtiges Gespräch jedenfalls nicht stören. “Gut.”, willigte Elrond nach einigen Augenblicken schließlich ein, “Lia kann bleiben.”
Aragorn neigte den Kopf. Elrond wandte sich an mich: “Es würde ich freuen, wenn Ihr uns beim Ringrat in drei Tagen ebenfalls Gesellschaft leisten würdet. Meine Tochter Arwen kann Euch sicher etwas angemessenes zum Anziehen geben.”
Ja klar, als ob. Er wollte mich ja nicht einmal hier haben. Doch ich neigte nur höflich den Kopf: “Wie Ihr wünscht.”
Damit war es beschlossen. Ich würde in drei tagen zu diesem geheimnisvollen Ringrat gehen.

Die nachten Tage in Bruchtal waren seit langer Zeit endlich mal wieder entspannend. Ich ging spazieren, erkundete die Gegend, trainierte auf dem Trainingsgelände (teilweise alleine, teilweise mit Aragorn) und machte einen Ausritt.
Am Morgen des dritten Tages wurde ich von einem Klopfen an meiner Zimmertür geweckt. Ich stand auf und öffnete die Tür. Mir gegenüber stand jetzt eine hübsche Elbe mit langen braunen Haaren und hellblauen Augen, die mich fassungslos anstarrte. “Lia!”, hauchte sie, “Du ist es wirklich!”
Ich runzelte leicht die Stirn: “Tut mir leid, aber kennen wir uns?”
Die fremde Elbe sah mich an, als hätte ich sie geschlagen. Dann setzte sie ein Lächeln aus: “Ich dachte, ich kenne dich. Mein Name ist Arwen. Ich richte dich für den Ringrat her.”
Das war also Arwen, Elronds Tochter. Mir entging nicht, dass sie die förmliche Anrede ignorierte. Das machte sie mir sympathisch, denn auch ich hielt nicht viel davon. Arwen trat in mein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Dann legte sie ein Kleid auf mein Bett. Es war dunkelrot und typisch elbisch. Ich mochte Elben nicht besonders, schließlich hatte sie mich als Baby verstoßen, aber ihre Kleidung war schön. “Ich denke, das Kleid müsste dir passen.”, meinte Arwen, “Probier es mal an.”
Ich tat, was sie wollte und tatsächlich passte das Kleid wie angegossen. Es war aus festerem Stoff, als die Elben normalerweise trugen und als ich Arwen überrascht ansah, zwinkerte sie mir zu: “Du wirst mitten in einer Gruppe streitsüchtiger Männer sitzen. Und Männer greifen gerne zu ihre Waffen. Könnte sein, dass du dich verteidigen musst und dann wäre dieser hauchdünne Stoff nur kontraproduktiv.”
Ich musste grinsen. “Setz dich.”, befahl Arwen, “Ich mache dir die Haare.”

Eine halbe Stunde später konnte ich mich im Spiegel kaum wieder erkennen. Mit dem dunkelroten Elbenkleid und den hochgesteckten Haaren sah ich ganz und gar nicht mehr aus wie ich. Und das war wohl das Schlimmste. Aber für diese eine Ratssitzung würde es schon gehen. Arwen trat neben mich. Wir musterten uns gegenseitig im Spiegel. Sie trug ein ganz ähnliches Kleid wie ich, nur in hellblau. Überrascht musste ich feststellen, dass wir uns ähnlich sahen. Die gleichen, feinen Gesichtszüge, das gleiche Haar. Nur die spitzen Ohren besaß ich nicht und meine Augen waren irgendwie anders. Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, klopfte es erneut an meiner Tür. Ich riss den Blick vom Spiegel los und öffnete. Aragorn stand im Türrahmen. “Lia, bist du fertig?”, fraget er. Die Förmlichkeiten hatten wir beim gemeinsamen Training abgelegt. “Ich wollte dich zum Ringrat ab…”, er brach ab, als er Arwen hinter mir entdeckte. Plötzlich war sein Gesicht mit so viel Liebe und Zuneigung überzogen, dass ich den Blick abwenden musste. Arwen erwiderte seinen Blick mit der selben tiefen Liebe. Sie lächelte uns beide noch einmal an und drückte sich dann an Aragorn vorbei, hinaus aus meinem Zimmer. Aragorn sah ihr ein paar Herzschläge lang nach, dann wandte er sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck wieder mir zu. Ich nickte nur: “Ich bin fertig.”
Zusammen verließen wir mein Zimmer.

5
0

Lia | Kapitel 1

Drehung, Schlag. Lau raschelte unter meinen Füßen, während ich mit dem Schwert auf die Orks um mich herum einschlug. Ich gab mir kaum Mühe. Die Orks waren mittlerweile nur noch zu siebt und sie waren alle nicht besonders schlau. Ich nagelte einen von ihnen an den Baum. Noch sechs. Schwarzes Blut spritzte auf den Boden, als ich den nächsten köpfte. Fünf. Das machte fast schon Spaß.

 

Aragorns Sicht:
Kampflärm ließ uns innehalten. “Ihr wartet hier.”, wies ich die drei Hobbits an, die mit mir unterwegs waren, “Ich schaue nach, ob da jemand Hilfe braucht.”
Ohne ihre Antwort abzuwarten, lief ich los. Meine Schritte auf dem laubbedeckten Waldboden waren beinahe lautlos und ich suchte mir geschickt Deckung hinter den Baumstämmen. ein paar Augenblicke später kam ich oberhalb eines kleinen Tals zum Stehen. Unter mir auf der Lichtung kämpften vier Orks gegen eine junge Frau mit langen, braunen Haaren. Sie war wirklich gut, das konnte man auf den ersten Blick erkennen. Ihre Bewegungen waren so schnell, dass sie überall zu sein schien. Fast sah es so aus, als würde sie tanzen, so elegant, kraftvoll und leichtfüßig wirbelte sie über den Platz. Erneut fiel ein Ort. Sein Kopf rollte noch ein paar Meter weiter. Das riss mich aus meiner Beobachtung.

 

Lias Sicht: 
Noch drei Orks. Langsam wurde es langweilig. Ich hatte gerade beschlossen, die verbliebenen dunklen Gestalten jetzt schnell zu töten, da sprang ein Mann mit dunkler Kleidung leichtfüßig neben mir auf die Lichtung. Er mischte sich auf meiner Seite in den Kampf ein und bewundernd stellte ich fest, dass er sogar noch besser mit dem Schwert umgehe konnte, als ich. Ein paar Herzschläge später waren die Orks Geschichte. Leicht angewidert wischte ich mein mit schwarzem Blut überzogenes Schwert an den Lumpen eines Orks ab. Dabei ließ ich den fremden Mann keine Sekunde aus den Augen. Er hatte sein Schwert weg gesteckt und die Kapuze abgenommen. So konnte ich erkennen, dass er schulterlange, dunkelbraune Haare und graublaue Augen hatte. Auch er ließ mich seinerseits keine Sekunde aus den Augen. Ein paar Sekunden lang starrten wir uns abschätzend an. Schließlich brach der Fremde das Schweigen: “Ihr habt einen seht guten Kampfstil. Wo habt Ihr den Umgang mit dem Schwert gelernt?”

Ich schwieg ein paar Augenblicke, wog ab, ob ich ihm antworten sollte. Dann sagte ich knapp: “Ich nehme an, wie auch Ihr gelernt habt. Ihr seid ach ein Waldläufer?”
Er nickte: “Mein Name ist Streicher.”
Eine Lüge, die ich durchschaute. Obwohl ich ihn nur aus Erzählungen kannte, war ich mir sicher, dass der fremde Mann vor mir Aragorn war. Doch ich ging nicht auf seinen Decknamen ein, sondern warf ihm ein leichtes Lächeln zu: “Lia.”

“Ich bin auf dem Weg zum Ringrat in Bruchtal.”, erzählte Aragorn alias Streicher, “Wenn die Entscheidung so ausfällt, wie ich vermute, könnten wir Eure Kampftricks gut gebrauchen. Begleitet Ihr mich?” Ich antwortete, bevor ich noch einmal darüber nachdenken konnte: “Ja, ich begleite Euch, aber ob ich Euch helfen werde, entscheide ich, wenn es soweit ist.”

Aragorn/Streicher neigte den Kopf und lief los. Ich folgte ihm. Das würde spannend werden!

4
0