Helena Andromeda | Kapitel 6

Ich saß neben Ben im Deckshäuschen. Wir schälten die Kartoffeln fürs Mittagessen, während Tess die Wäsche aufhängte und Sammy ein verheddertes Seil am Mast löste. Alea stand am Bug und versuchte etwas aus den Farben des Meeres zu lesen. „Es kommt Wind auf!“, rief Ben plötzlich und stellte die Schüssel mit den fertigen Kartoffeln weg, „Wir hissen die Segel!“

Auch ich legte mein Messer weg und alle versammelten sich, um die Segel zu setzen. Das funktionierte gut, denn mittlerweile wussten alle, was zu tun war. Als wir fertig waren, gingen alle wieder zurück an ihre Arbeiten. Alea ging unter Deck, um Kekse zu backen. Auch Lennox war dort unten, er flickte ein kaputtes Tau. Ein paar Minuten später kam Lennox an Deck und gesellte sich zu Ben und mir, während Tess unter Deck ging, um mit ihren Eltern zu telefonieren. „Braucht ihr Hilfe?“, fragte Lennox. Er wirkte etwas durcheinander und… enttäuscht? Ich musterte ihn Stirn runzelnd: „Alles okay?“

„Ja, es ist nur…“, er zögerte und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, „Alea verhält sich so seltsam mir gegenüber.“

Ich sagte nichts, das war mir auch schon aufgefallen. Ben lächelte Lennox beruhigend an: „Das wird schon wieder. Ich glaube, sie muss gerade über vieles nachdenken und vor allem ist sie sich im Moment nicht einmal sicher, wer sie selbst wirklich ist. Gib ihr etwas Zeit.“

Lennox nickte und stieß die Luft aus: „Danke Ben.“

Ben grinste: „Kein Problem. Und jetzt wollen wir mal die Kartoffeln kochen.“

„Ich spiele ein wenig Gitarre, wenn das für euch okay ist.“, meinte Lennox. Ich lächelte ihn an: „Natürlich. Bis später.“

Zusammen mit Ben ging ich unter Deck, wo wir das Mittagessen zubereiteten.

Nach dem Mittagessen entschieden Sammy, Tess, Ben und Alea tauchen zu gehen. Lennox und ich würde auf dem Schiff bleiben. „Ist das wirklich in Ordnung für dich?“, fragte Ben, als wir alleine am Bug standen. Ich nickte lächelnd: „Das ist überhaupt kein Problem. Ich gehe sowieso nicht gerne tauchen.“

„Okay.“, sagte Ben sichtlich erleichtert. Die vier sprangen ins Wasser. Lennox saß im Deckshäuschen und lenkte das Schiff. Ich ging zu ihm: „Wollen wir ein bisschen Musik machen? So wie früher?“

Lennox lachte leise, stellte den Autopiloten an und ging seine Gitarre holen. Zusammen setzten wir uns in die Sitzecke. Lennox spielte Gitarre und ich sang dazu. Ein paar Lieder sang auch er mit. So verbrachten wir die Zeit, bis die anderen vier wieder zurückkamen. Ben war der erste, der nach etwa drei Stunden über die Reling kletterte. Er lächelte uns an. Nach ihm kamen auch die anderen drei. Lennox und ich gingen zu ihnen herüber und während sie ihre Taucherausrüstungen ablegten erzählten sie uns von ihrem Ausflug. Von dem Ruinendorf, das sie unter Wasser entdeckt hatten und von den Walen, denen Alea fast gefolgt wäre. „In diesem Dorf muss es mal Zivilisation gegeben haben.“ meinte Alea, „Ich glaube nicht, dass sie einfach umgezogen sind. Etwas Schlimmes muss passiert sein.“

Lennox nickte düster. Ben holte Wasser für alle außer Lennox, der es ja nicht trinken durfte. Als sich Aleas und Lennox‘ Knie berührten, wich Alea zurück und starrte entsetzt in ihr Wasserglas. Dann sprang sie auf und lief unter Deck. Mit der Ausrede, Tee für Lennox kochen zu müssen. Ben und ich tauschten einen wissenden Blick und ich nickte ihm zu. Dann folgte Ben Alea. Ein paar Minuten später ging ich mit den leeren Gläsern ebenfalls nach unten. Ben und Alea saßen nebeneinander auf dem Sofa. Ich bekam noch den Bens letzten Satz des Gespräches mit: „Könnte es nicht sein, dass Lennox dein Bruder ist?“

Ich schnappte nach Luft und ließ eines der Gläser fallen. Es zersprang am Boden in kleine Einzelteile. Ben und Alea drehten sich erschrocken zu mir um. Ich setzte eine gleichgültige Miene auf und sagte mit kühler Stimme: „Entschuldigt, ich wollte euer Gespräch nicht stören. Ignoriert mich einfach, ich mach das nur schnell weg.“

„Helena…“, setzte Ben an, aber ich brachte ihn mit einem Kopfschütteln zum Verstummen. Nach ein paar Sekunden widmeten die beiden sich wieder ihrem Gespräch. Ich räumte schnell die Scherben weg, bevor ich wieder an Deck ging. Dem Gespräch hörte ich nicht zu. In meinem Kopf wiederholte sich immer wieder Bens Satz: Könnte es nicht sein, dass Lennox dein Bruder ist.

Ich wollte das auf keinen Fall, es würde bedeuten, dass sie Lennox‘ richtige Schwester wäre. Sie würde sich in unsere Verbindung einschleichen und alles wäre anders als vorher. Dabei war es Lennox alleine, der meine Geheimnisse wusste und mich verstand. Ich wollte nicht, dass Alea das kaputt machte.

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