Erneut klopfte ich an die Tür von Remus‘ Büro. Kein Geräusch. Es reichte mir jetzt. Ich öffnete die Tür und trat in das Büro. Es war leer. Remus war nicht da. Ich wollte mich gerade umdrehen, da entdeckte ich auf dem Schreibtisch ein Pergament, auf dem sich etwas bewegte. Vorsichtig trat ich näher und nahm das Pergament in die Hand. Ich erkannte, dass es sich um eine Karte von Hogwarts handelte. Auf der Karte bewegten sich viele kleine Punkte, die mit Namen beschriftet waren. Ein Name zog meinen Blick besonders an: Severus Snape. Laut der Karte lief er gerade direkt in Richtung der Peitschenden Weide. Was hatte er vor? Ich legte die Karte zurück auf den Tisch und verließ schnellen Schrittes das Büro. Als ich durch die Korridore lief, gab ich mir Mühe, leise zu sein, doch auf den Wiesen rannte ich schon fast. Ein paar Meter von der Peitschenden Weide entfernt, blieb ich stehen. Einige Sekunden lang sah ich die Weide nachdenklich an. Dann trat ich entschlossen vor und konnte dem ersten Ast gerade noch so ausweichen. Ich rannte los und wich den meisten Ästen aus. Doch schließlich traf mich ein Ast. Ich flog durch die Luft und landete hart auf dem Boden. Außer Reichweite der Peitschenden Weide. Einige Augenblicke lang blieb ich noch liegen, um wieder zu Atem zu kommen. Dann rappelte ich mich auf. Durchrennen ging also nicht. Vielleicht mit einem Zauberspruch? Ich zog meinen Zauberstab und richtete ihn auf den Baum: „Aresto Momentum.“
Der Baum schüttelte sich kurz, sonst passierte nichts. Okay, nächster Versuch: „Impedimenta.“
Wieder nichts. Ich dachte angestrengt nach. Remus hatte mir doch mal von einem Zauberspruch erzählt. Wie ging der noch? Zögernd hob ich den Zauberstab: „Immobilus.“
Die Peitschende Weide, die sich vorher noch geschüttelt hatte, erstarrte. Ich rannte los.
Als ich mich dem Ende des Geheimganges näherte, wurde ich langsamer. Snape war dort, aber was erwartete mich noch? „Exppelliarmus!“, rief eine Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkam. Dann ertönte ein Geräusch, das sich anhörte, als würde jemand gegen eine Wand fliegen. Was auch immer da drinnen los war, ich musste da rein. Snape traute ich fast alles zu. Ich sprang zur Tür und riss sie auf. Mit einem Blick hatte ich die Lage erfasst. Ron, verletzt auf dem Bett. Harry mit erhobenem Zauberstab, Hermine neben ihm. Am anderen Ende des Raumes Remus und Sirius mit den restlichen Zauberstäben. Und Snape neben der Tür, offenbar bewusstlos. Ich richtete den Zauberstab auf Harry und Hermine und meine freie, linke Hand auf Remus und Sirius. „Zauberstäbe fallen lassen.“, sagte ich kalt und sah die vier abwechselnd an. Harry schoss einen Zauber auf mich ab, doch ich wischte ihn mit einer lockeren Bewegung meines Handgelenkes weg. „Ich sagte: Fallen lassen!“, wiederholte ich deutlich und funkelte Harry wütend an. „Emily.“, sagte Remus, „Ich kann das erklären.“
„Ach ja?“, fragte ich und zog eine Augenbraue hoch, „Typische letzte Worte für eine Freundschaft. Nicht wahr, Black?“
Sirius zuckte zusammen: „Emily…“
„Aber Emily!“, sagte Remus fest, „Peter ist hier.“
„Peter?“, fragte ich fassungslos, „Peter ist tot!“
„Nein.“, sagte Sirius, „Er ist da.“
Sirius deutete auf Ron, der genauso verwirrt aussah, wie ich mich fühlte: „Ich? Sie sind verrückt. Völlig übergeschnappt!“
„Nicht du!“, sagte Sirius, „Deine Ratte.“
„Krätze?“, fragte Ron. Ich senkte meinen Zauberstab und meine Hand und ging langsam auf Ron zu: „Ron, gibst du mir die Ratte bitte ein mal. Wir wollen nur etwas ausprobieren. Es wird ihm nicht weh tun.“
Ron nickte zögernd und reichte mir seine Ratte. Ich ging zu Sirius und hielt ihm die Ratte hin. Als er sie nahm, berührten sich unsere Finger kurz und ein angenehmes Kribbeln durchfuhr mich. Unsere Blicke trafen sich. Seiner fragend, meiner nachdenklich. Dann lies ich die Ratte los und der Moment war vorbei. Sirius packte die Ratte und drehte sich zu Remus. Und dann ging alles ganz schnell. Sirius lies die Ratte los, die sich in Peter verwandelte, Sirius und Remus stürzten mit ihren Zauberstäben auf ihn zu und Harry entschied, dass wir ihn den Dementoren übergeben sollten. Wir gingen den Geheimgang zurück und standen schließlich wieder im Freien. Sirius trat auf mich zu: „Emily? Können wir reden?“
Ich wich seinem Blick aus: „Ich denke, du solltest jetzt lieber mit Harry sprechen.“
Er zögerte kurz, dann nickte er und entfernte sich zusammen mit Harry. Ich beobachtete die beiden einige Augenblicke lang. Dann sah ich zum Himmel und erstarrte. Der Vollmond schob sich gerade an einer Wolke vorbei. „Harry!“, kreischte Hermine, die den Mond wohl auch gesehen hatte. Ich trat langsam auf Remus zu: „Remus, sie mich an!“
Remus Blick lag fest auf dem Mond. Er begann sich zu verwandeln. Hinter mir hörte ich eilige Schritte. „Remus, hast du deinen Trank genommen?“, fragte ich eindringlich. Werwolf-Remus knurrte wütend und holte mit der Pranke aus. Er traf mich seitlich am Kopf und ich flog ins Gras. Sirius stürzte sich als Hund bellend auf Werwolf-Remus. Hermine kreischte und Harry schrie: „Sirius!“
Remus hat den Trank nicht genommen., gab ich mir selbst die Antwort auf meine Frage. Dann wurde alles schwarz.

