Maëlle Delamare | 4. Die Heulende Hütte und ein Brief

Lieber Remus,
wie geht es dir? Mir geht es ganz gut. Naja, der zweite Zyklus hat eben begonnen. Ist das immer so schmerzhaft oder wird es irgendwann besser? Ich habe etwas Angst vor heute Abend. Es ist ja erst meine zweite Verwandlung. Kennst du die Heulende Hütte? Da bringt Madam Pomfrey mich heute Abend hin, nachdem ich den Wolfsbanntrank genommen habe. Eigentlich sollte ich meine Wolfsgestalt dann unter Kontrolle habe, ich weiß. Aber was, wenn nicht? Wenn ich jemanden verletze?
Mein Bruder hat mich gestern völlig ignoriert. Er hängt nur noch mit Blaise und den anderen Slytherins ab. Ich mag sie nicht, sie beleidigen ihre Mitmenschen, einfach nur zum Spaß. Meinst du, Noël wird irgendwann auch so? Ich hoffe nicht.
Liebe Grüße, Maëlle.

Ich sah der braunen Eule nach, die meinen Brief zu Remus brachte. Hoffentlich konnte er mir noch vor der Verwandlung antworten. Er war vermutlich der einzige, der mir meine Angst nehmen konnte. Weil er mich als einziger verstand. Seufzend wandte ich mich ab und machte mich auf den Weg zu meinem ersten Unterricht.

„Shit, shit, shit!“, fluchte ich und trat gegen die nächstbeste Wand. Doch das löste mein Problem auch nicht. Stattdessen tat jetzt auch noch mein Fuß weh. „Hey, alles in Ordnung?“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Dort stand Fred. Oder George? „Ja, klar.“, antwortete ich und lächelte ihn an, „Alles in Ordnung. Bist du Fred oder George?“
Ich wusste, dass er mir nicht glaubte, dass alles okay war, aber er fragte nicht weiter nach. „Ich bin George.“, sagte er nur. Ich nickte, ohne etwas zu sagen. Er musterte mich kurz: „Sehen wir uns beim Abendessen?“
„Ja. Natürlich.“, log ich. Dann drehte ich mich um und lief davon.

Georges Sicht:
Ich sah ihr verwirrt nach. Sie war heute so anders. Sie hatte versucht, es zu überspielen. Mit einem Lächeln. Merlin, ihr Lächeln…
Ich schüttelte den Kopf. Was dachte ich denn da? Ich kannte sie gerade mal seit drei Tagen. Mir gedanklich den Zauberstab gegen den Kopf schlagen, lief ich weiter. Da ich einige Geheimgänge nahm, kam ich schnell an der Eulerei an. Ich band einer der Eulen meinen Brief ans Bein und sah ihr nach, als sie davonflog. Ich wandte mich ab und wollte gerade wieder gehen, da landete eine Eule neben mir. Sie trug einen Brief im Schnabel, auf dem Maëlles Name stand. Innerlich kämpfte ich mit mir. Der Brief könnte von ihren Eltern sein. Er könnte aber auch von ihrem Freund sein, falls sie einen hatte. Ich nahm der Eule den Brief ab. Wenn ich ihn nur kurz lese, würde es ihr nicht auffallen. Und ich hätte Gewissheit. Schnell faltete ich den Brief auseinander:

Liebe Maëlle,
mir geht es gut. Ich denke, dass es immer so schmerzhaft ist, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Du brauchst keine Angst vor heute Abend zu haben. Ich kenne die Heulende Hütte, sie wurde in meiner Schulzeit für mich erbaut und trägt auch ihren Namen wegen mir. In der Heulenden Hütte kannst du, selbst wenn der Trank nicht wirken sollte, niemanden angreifen. Aber Severus Snape ist einer der besten Zaubertrankmeister, ich bin mir sicher, dass er dir einen ausgezeichneten Trank braut.
Ich hoffe nicht, dass Noël irgendwann so wird, wie die anderen Slytherins.
Viel Glück heute Abend!
Remus.

Ich starrte entgeistert auf den Brief. Remus. Wer war dieser Remus? Plötzlich hörte ich Schritte auf der Treppe. Schnell faltete ich den Brief wieder zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Die Tür ging auf und ein Junge mit dunklen Haaren und blauen Augen betrat die Eulerei. Ein Slytherin, seinem Umhang nach zu urteilen. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Sein Blick fiel auf den Brief in meiner Hand: „Das ist nicht deiner.“
„Nein.“, antwortete ich, „Er ist an meine Schwester. Ich werde ihr den Brief bringen.“
Der fremde Junge zog mit einem spöttischen Lächeln die Augenbrauen hoch: „Maëlle ist also deine Schwester?“
Ich war leicht verunsichert, liess mir aber nichts anmerken: „Ja.“
Jetzt grinste mich der Junge an und streckte mir die Hand entgegen: „Hi, ich bin Noël. Maëlles echter Bruder.“
Ich starrte ihn an. Dann lachte ich und schüttelte seine Hand. In diesem Moment ging die Tür erneut auf.

Maëlles Sicht:
Als ich die Tür zur Eulerei öffnete, standen George und Noël in der Mitte des Raumes. Mein Blick viel auf den Brief in Georges Hand. Mein Name stand darauf. Ich umarmte Noël kurz. „Viel Glück heute Abend.“, flüsterte er mir ins Ohr. Dann nahm ich Georges Handgelenk und zog ihn hinter mir her aus der Eulerei. „Bekomme ich bitte meinen Brief?“, fragte ich, als wir um Korridor standen. Wortlos gab er ihn mir. „Hast du ihn gelesen?“, fragte ich weiter. George zögerte kurz, dann nickte er. „Du weißt aber schon, dass man keine fremden Briefe liest oder?“, bemerkte ich. George nickte wieder: „Wer ist Remus?“
“Auch wenn du gar nicht wissen solltest, dass Remus mir geschrieben hat…“, sagte ich, „Du Kennst ihn. Er war vor zwei Jahren der Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste hier.“
George starrte mich an: „Professor Lupin?“
„Ja.“, sagte ich nickend. „Aber warum?“, fragte George. Ich sah ihn ausdruckslos an: „Das geht dich nichts an. Und außerdem muss ich jetzt los.“
George folgte mir nicht, als ich so schnell wie möglich zu Snapes Büro lief. Ich klopfte. „Herein.“, ertönte Snapes kalte Stimme. Ich öffnete die Tür und trat in sein Büro. An den Wänden standen deckenhohe Regale voller Zaubertrankzutaten. Snape stand hinter seinem Schreibtisch, der mitten im Raum stand. „Guten Abend Professor.“, sagte ich höflich. „Sie sind pünktlich, gut.“, antwortete Snape ohne eine Begrüßung, „Das ist ihr Trank.“
Er deutete auf ein Fläschchen, das auf seinem Schreibtisch stand. „Danke.“, sagte ich und nahm das Fläschchen in die Hand, „Ich habe es ganz vergessen, aber ich habe heute eigentlich Nachsitzen.“
„Bei wem?“, fragte Snape scharf. „Bei Professor Umbridge.“, meine Antwort klang eher wie eine Frage. Snape seufzte: „Ich kümmere mich darum. Ich sage ihr, dass du heute bei mir Nachsitzen hast und morgen zu ihr gehst.“
Ich nickte: „Danke, Sir.“
Er verzog keine Miene. „Trink jetzt den Trank, bevor Madam Pomfrey kommt.“, wies er mich an. Ich nickte, öffnete das Fläschchen und trank. Es schmeckte widerlich, aber ich lies mir nichts anmerken. Ich stellte das leere Fläschchen zurück auf den Tisch, als die Tür plötzlich aufging. Madam Pomfrey betrat Snapes Büro. „Guten Abend.“, begrüßte sie uns, „Maëlle, meine Liebe, können wir los?“
Ich nickte: „Ja, Madam Pomfrey. Auf Wiedersehen, Professor Snape.“
Snape murmelte etwas, so leise, dass ich es kaum verstand. Aber ich glaubte, dass es ein ,Auf Wiedersehen‘ war.

Madam Pomfrey verließ die Heulende Hütte sofort wieder, nachdem sie mich hinein gebracht hatte. Ich hatte noch etwas Zeit, bevor der Vollmond aufgehen würde. Schnell zog ich Remus‘ Brief hervor. Ich wollte ihn gerade öffnen, da durchfuhr mich ein scharfer Schmerz. Erschrocken lies ich den Brief fallen. Ich hatte die Zeit falsch eingeschätzt. Die Verwandlung begann.

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