Die drei Hobbits, Aragorn und ich blieben vor der großen Eingangstür von Erlands Palast stehen. Aragorn klopfte und ein paar Sekunden später öffnete ein dunkelhaariger Elb die Flügeltür. Er führte uns in einen großen Salon und lächelte uns höflich an: “Elrond wird gleich hier sein. Setzt euch doch.”
Damit ließ er uns alleine. Wir setzten uns auf die Sessel und Sofas und tatsächlich betrat nur ein paar Minuten später ein weiterer Elb den Salon. Elrond. Auch ihn kannte ich nicht persönlich, aber ich hatte schon Gemälde von ihm gesehen, weshalb ich ihn sofort erkannte. Er musterte uns kurz, begrüßte uns mit einem Nickten und wandte sich dann an Aragorn. “Arwen hat mir bereits berichtet, dass ihr kommen würdet.”, sagte er mit ruhiger Stimme, “Ich habe Frodo versorgt. Er wird es überleben. Gandalf ist bei ihm. Er braucht Ruhe und ist noch nicht bei Bewusstsein. Ich nehme an, du weißt bereits vom Ringrat?”
Aragorn nickte: “Ja.”
“Sehr schön.”, erwiderte Elrond und wandte sich an die drei Hobbits, “Wir haben Zimmer für euch hergerichtet. Vor der Tür wartet Faldor auf euch. Er wird sie euch zeigen.”
Die Hobbits bedankten sich und verließen den Raum. Elrond setzte sich und musterte mich mit einem wissenden Blick. Was bitte wusste er, das ich nicht wusste? “Herzlich Willkommen in Bruchtal.”, sagte er mit einem schmalen Lächeln, “Ich bin Elrond. Wer seid Ihr?”
“Danke.”, sagte ich, ohne sein angedeutetes Lächeln zu erwidern, “Mein Name ist Lia.”
“Eine Waldläuferin?”, vermutete Elrond. Ich antwortete nur mit einem knappen Nicken. “Und eine Halbelbe?”, Elrond Frage brachte mich aus dem Konzept. “Woher…?”, begann ich, brach aber ab. Jetzt schlich sich ein echtes Lächeln auf Elronds Gesicht: “Ich habe euch ankommen sehen. Die Art, wie Ihr euch bewegt. Wie die Elben. Allerdings habt Ihr keine spitzen Ohren. Daher meine Vermutung, dass Ihr eine Halbelbe seid.”
Mein Blick huschte zu Aragorn. “Ja.”, beantwortete dieser meine unausgesprochene Frage, “Ich habe es geahnt.”
Ich sah wieder zu Elrond. Sein Lächeln war verschwunden. “Aragorn, warum hast du sie her gebracht?”, fragte er jetzt ganz direkt. Offenbar hatte Elrond genug von den ungezwungen, höflichen Plaudereien. “Ich habe sie gegen eine Gruppe von Orks kämpfen gesehen.”, erklärte Aragorn ihm, was er auch mir gesagt hatte, “Wir wissen beide, zu was das hier herauslaufen wird. Da können wir eine weitere Person, die gut mit Waffen umgehen kann, sehr gut gebrauchen.”
Elrond wirkte noch nicht ganz überzeugt, weshalb Aragorn hinzufügte: “Außerdem ist sie viel unterwegs als Waldläuferin. Vielleicht hat sie noch wichtige Informationen.”
Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück. Schön, wenn die beiden über mich reden wollten, als wäre ich überhaupt nicht da, sollten sie doch. Ich würde ihr wichtiges Gespräch jedenfalls nicht stören. “Gut.”, willigte Elrond nach einigen Augenblicken schließlich ein, “Lia kann bleiben.”
Aragorn neigte den Kopf. Elrond wandte sich an mich: “Es würde ich freuen, wenn Ihr uns beim Ringrat in drei Tagen ebenfalls Gesellschaft leisten würdet. Meine Tochter Arwen kann Euch sicher etwas angemessenes zum Anziehen geben.”
Ja klar, als ob. Er wollte mich ja nicht einmal hier haben. Doch ich neigte nur höflich den Kopf: “Wie Ihr wünscht.”
Damit war es beschlossen. Ich würde in drei tagen zu diesem geheimnisvollen Ringrat gehen.
Die nachten Tage in Bruchtal waren seit langer Zeit endlich mal wieder entspannend. Ich ging spazieren, erkundete die Gegend, trainierte auf dem Trainingsgelände (teilweise alleine, teilweise mit Aragorn) und machte einen Ausritt.
Am Morgen des dritten Tages wurde ich von einem Klopfen an meiner Zimmertür geweckt. Ich stand auf und öffnete die Tür. Mir gegenüber stand jetzt eine hübsche Elbe mit langen braunen Haaren und hellblauen Augen, die mich fassungslos anstarrte. “Lia!”, hauchte sie, “Du ist es wirklich!”
Ich runzelte leicht die Stirn: “Tut mir leid, aber kennen wir uns?”
Die fremde Elbe sah mich an, als hätte ich sie geschlagen. Dann setzte sie ein Lächeln aus: “Ich dachte, ich kenne dich. Mein Name ist Arwen. Ich richte dich für den Ringrat her.”
Das war also Arwen, Elronds Tochter. Mir entging nicht, dass sie die förmliche Anrede ignorierte. Das machte sie mir sympathisch, denn auch ich hielt nicht viel davon. Arwen trat in mein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Dann legte sie ein Kleid auf mein Bett. Es war dunkelrot und typisch elbisch. Ich mochte Elben nicht besonders, schließlich hatte sie mich als Baby verstoßen, aber ihre Kleidung war schön. “Ich denke, das Kleid müsste dir passen.”, meinte Arwen, “Probier es mal an.”
Ich tat, was sie wollte und tatsächlich passte das Kleid wie angegossen. Es war aus festerem Stoff, als die Elben normalerweise trugen und als ich Arwen überrascht ansah, zwinkerte sie mir zu: “Du wirst mitten in einer Gruppe streitsüchtiger Männer sitzen. Und Männer greifen gerne zu ihre Waffen. Könnte sein, dass du dich verteidigen musst und dann wäre dieser hauchdünne Stoff nur kontraproduktiv.”
Ich musste grinsen. “Setz dich.”, befahl Arwen, “Ich mache dir die Haare.”
Eine halbe Stunde später konnte ich mich im Spiegel kaum wieder erkennen. Mit dem dunkelroten Elbenkleid und den hochgesteckten Haaren sah ich ganz und gar nicht mehr aus wie ich. Und das war wohl das Schlimmste. Aber für diese eine Ratssitzung würde es schon gehen. Arwen trat neben mich. Wir musterten uns gegenseitig im Spiegel. Sie trug ein ganz ähnliches Kleid wie ich, nur in hellblau. Überrascht musste ich feststellen, dass wir uns ähnlich sahen. Die gleichen, feinen Gesichtszüge, das gleiche Haar. Nur die spitzen Ohren besaß ich nicht und meine Augen waren irgendwie anders. Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, klopfte es erneut an meiner Tür. Ich riss den Blick vom Spiegel los und öffnete. Aragorn stand im Türrahmen. “Lia, bist du fertig?”, fraget er. Die Förmlichkeiten hatten wir beim gemeinsamen Training abgelegt. “Ich wollte dich zum Ringrat ab…”, er brach ab, als er Arwen hinter mir entdeckte. Plötzlich war sein Gesicht mit so viel Liebe und Zuneigung überzogen, dass ich den Blick abwenden musste. Arwen erwiderte seinen Blick mit der selben tiefen Liebe. Sie lächelte uns beide noch einmal an und drückte sich dann an Aragorn vorbei, hinaus aus meinem Zimmer. Aragorn sah ihr ein paar Herzschläge lang nach, dann wandte er sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck wieder mir zu. Ich nickte nur: “Ich bin fertig.”
Zusammen verließen wir mein Zimmer.

