Warum war es richtig, anderen Leid zuzufügen? Ich selbst wollte ja auch nicht, dass mir welches zugefügt wurde. Aufgebracht lief ich im Zimmer hin und her. Okklumentik funktionierte nicht. Dafür musste ich meinen Geist frei machen. Nichts fühlen, nichts denken. Und das ging gerade nicht. “Topi!”, rief ich aufgelöst. Ein kleiner Hauself erschien mitten im Raum. Er sah mich mit schief gelegtem Kopf an: “Was kann Topi für Sie tun, Miss?”
“Bring mich zum Musiksalon.”, verlangte ich. Topi verbeugte sich knapp und lief los. Ich folgte ihm schnell.
Der Musiksalon war ein großer Saal mit bodentiefen Bogenfenstern. Er war hell eingerichtet und nicht möbliert. Bis auf das Klavier neben einem der Fenster. “Lass mich bitte alleine.”, bat ich Topi, der sich schnell verbeugte und dann mit einem lauten Knall verschwand. Langsam ging ich zu dem Klavier hinüber. Mit der Hand strich ich über das samtschwarze Holz. Dann setzte ich mich vor die Tasten und begann zu spielen. Nach und nach entspannte ich mich und meine Gedanken hörten auf, alles zu hinterfragen, was mir als richtig beigebracht worden war.
Dracos Sicht:
Ich kam gerade aus meinem Zimmer, wo ich mich nach meinem Quiddich-Training umgezogen und geduscht hatte. Jetzt war ich auf dem Weg zu Marys Zimmer, um zu schauen, wie es ihr ging. Doch Mary war nicht in ihrem Zimmer. “Topi!”, rief ich nach dem Hauselfen, der nur wenige Sekunden später vor mir stand. “Ja, Herr?”, fragte er. “Wo ist Mary?”, verlangte ich zu wissen. Topi lächelte: “Sie ist im Musiksalon.”
“Danke Topi.”, sagte ich noch, während ich loslief. Topi neigte den Kopf und verschwand. Schon in der Nähe des Musiksalons hörte ich die Klaviermelodie. War das Mary? Dumme Frage, natürlich war es Mar, wer sonst? Leise öffnete ich die Tür und trat ein. Mary saß mit dem Rücken zu mir und schien mich nicht zu bemerken. Ich lauschte ihrer traurigen Melodie. Sie spielte gut. Das Stück endete. Mary blieb sitzen, begann aber kein neues Stück. Stattdessen sagte sagte sie: “Komm näher.”
So viel also zu sie hatte mich nicht bemerkt. Langsam trat ich näher zu ihr. “Woher wusstest du, dass ich hier bin?”, fragte ich neugierig. Sie zuckte mit den Schultern: “Ein Gefühl.”
Dann drehte sie sich zu mir um und ich stellte erschrocken fest, dass Mary geweint hatte. “Was ist passiert?”, fragte ich besorgt. Mary wischte sich schnell über die Augen: “Nichts. Es ist alles okay.”
Doch nichts war okay. Ich wollte sie in den Arm nehmen, ihr sagen, dass alles gut werden würde, doch ich tat es nicht. “Mary.”, sagte ich stattdessen sanft, “Ich sehe doch, dass du geweint hast. Was ist los?”
Sie lieb stumm. Ich nahm ihre Hand und sah sie eindringlich an: “Du kannst mir vertrauen.”
Mary begann erneut zu weinen, riss aber wütend ihre Hand aus meiner und sprang auf. “Ich kann es dir nicht sagen!”, rief sie verzweifelt, “Du kannst mir nicht helfen. Niemand kann mir helfen!”
Niemand kann mir helfen. Ich erinnerte mich daran, wie ich diese Worte selbst gesagt hatte. Vor einigen Wochen auf dem Astronomieturm zu Dumbledore. Damals hatte ich dringend Hilfe gebraucht. Ich brauchte sie immer noch, klar, aber wie es schien, brauchte die sonst so selbstsichere Mary sie gerade dringender. Ich ging vorsichtig auf sie Tür. Sie wich bis auf die Wand hinter sich zurück. Wie ein Tier, dass in die Enge getrieben wurde. “Mary, bitte. Lass mich dir helfen.”, ich hörte selbst, wie flehentlich meine Stimme klang. Normalerweise hätte ich mich dafür ausgelacht, aber gerade war es mir egal. Mary kämpfte mit sich, ich konnte es in ihren Augen sehen. Sie schluchzte auf und schlug sich die Hände vors Gesicht. Und dann, plötzlich, stürzte sie sich in meine Arme. Mary klammerte sich an mir fest. Erst erschrak ich leicht, dann legte ich die Arme um sie und drückte sie an mich. Ich hielt sie einfach nur fest. Mary vergrub ihr Gesicht in meinem Shirt und weinte leise an meiner Schulter. Ihre Tränen durchnässten den Stoff meines Oberteils. Auch Pansy hatte schon so an meiner Schulter geweint, als wir noch jünger gewesen waren. Doch im Gegensatz zu jetzt, hatte ich mir damals Sorgen um mein Hemd gemacht. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die mir trotzdem viel zu kurz vorkam, löste sich Mary wieder von mir und setzte sich auf den Boden. Ich setzte mich neben sie und lehnte mich an die Wand. Dann wartete ich. Würde Mary mir erzählen, was los war? “Wenn du mich verrätst, verfluche ich dich.”, sagte Mary nach ein paar Minuten und sah mich warnend an. “Ich werde dich nicht verraten.”, versicherte ich sofort, “Ich habe dir doch gesagt, dass du mir vertrauen kannst.”
Mary nickte und holte tief Luft: “Ich glaube, es ist falsch, was wir tun.”
Marys Sicht:
Draco lächelte mich sanft an: “Ja, ich weiß. Es ist falsch.”
Ich sah ihn überrascht an: “Und du tust es trotzdem?”
“Du doch auch.”, sagte Draco mit einem traurigen Lächeln, “Wir wurden so erzogen.”
Er hatte recht. Aber sollte ich jetzt einfach so weitermachen, wie vorher? Nein, das konnte ich nicht.
Dracos Sicht:
Sie hinterfragte also alles, was ihr als richtig beigebracht worden war. Sie, wie ich es schon seit ein paar Jahren tat. Ein paar Minuten saßen wir schweigend auf dem Boden. Schließlich stand ich auf: “Komm, wir machen uns etwas zu essen.”
Mary nickte und folgte mir.

